Die große Unbekannte – CMI

Der Case-Mix-Index benennt die Schwere einer Erkrankung und regelt die Höhe der Kostenerstattung – Nickel reduziert Erwartungen

(not). Unter einem CMI-Wert kann sich Otto Normalverbraucher nicht viel vorstellen. Für die Abrechnung der Krankenhäuser mit den Krankenkassen ist er aber von höchster Bedeutung. Der sogenannte Case-Mix-Index benennt die Schwere einer Erkrankung oder Behandlung und regelt die Höhe der Kostenerstattung. Für schwierige Eingriffe etwa am Herzen gibt es viel Geld, für andere relativ wenig. Wenn etwa Senioren mit einem ungewissen Krankheitsbild stationär aufgenommen werden, kann es vorkommen, dass die Klinik weniger erstattet bekommt als sie tatsächlich Aufwand hat, sie muss also sogar noch drauflegen. Logisch, dass die Krankenhäuser keine 08/15-Fälle behandeln wollen, sondern die lukrativen. Besonders Kliniken in privater Trägerschaft, so heißt es, würden sich die Rosinen herauspicken. Aber auch die weniger lukrativen Fälle müssen irgendwo behandelt werden. Die Rems-Murr-Kliniken stellen sich ihrem Versorgungsauftrag. Aus diesem Grund dümpelt der CMI auch im Bereich von 0,93.

Die Auswirkungen auf die Bilanz sind gravierend. Denn die Beratungsfirma Rödl&Partner hatte im Jahr 2008 ihre Wirtschaftlichkeitsberechnung basierend auf einem CMI von 1,1 vorgenommen.

Das ist ein sehr hoher, ein geradezu illusorischer Wert. Nur wenige Häuser der Maximalversorgung und Spezialkliniken (Stichwort Rosinenpicker) erreichen einen solchen Wert. Der Backnanger SPD-Kreisrat Gernot Gruber warnte schon vor dem Neubaubeschluss, dass dieser Wert nicht zu erreichen sei. Er listete 2008 die CMI-Ergebnisse anderer Kliniken auf. Im Landkreis Esslingen wurde ein Wert von 0,94 erreicht, das neue Zentralkrankenhaus Reutlingen brachte es auf 0,998 und selbst in Göppingen, wo ein Haus mit nahezu Maximalversorgung steht, reichte es nur zu einem CMI von 1,08. Der Wert 1,1 wurde nur in Stuttgart geschafft.

Nun handelt es sich beim CMI von 1,1 der Rems-Murr-Kliniken um eine Mischkalkulation, in die auch die Zahlen des Schorndorfer Hauses einfließen. Da dieses aber nie und nimmer in diese Sphären vorstoßen kann, müsste das Winnender Haus laut Gruber sogar einen CMI von 1,175 erreichen, um im Schnitt bei 1,1 zu landen. Ein Unding!

Doch was bedeutet der Unterschied von 1,1 zu 1,0 im Fall der Rems-Murr-Kliniken, die jährlich etwa 150 Millionen Euro Einnahmen generieren, in Euro und Cent? Die Differenz sind etwa 15 Millionen Euro. Das heißt, bei der Berechnung von Rödl&Partner fehlen 15 Millionen Euro, und zwar jedes Jahr. Und das auch nur, wenn der Wert von 1,0 erreicht wird. Sonst fehlt noch mehr.

Der neue Klinik-Chef Dr. Marc Nickel hat nach dem schnellen Abgang seines Vorgängers Jürgen Winter schnell zurückgerudert. Schon vor fünf Jahren hatte Rödl&Partner die Erwartung selbst auf 1,02 reduziert. In der jüngsten Sitzung des Kreistags forderte Dauermahner Gruber erneut und hartnäckig eine klare Aussage von Nickel. Dieser erklärte völlig unaufgeregt – was ob der Auswirkung sehr verwundert – dass er wisse, welche Zahlen früher gehandelt wurden. Aber die realistische Größe sei nicht die 1,1 und auch nicht die reduzierte 1,02, sondern höchstens die 1,0. Damit hat ein Offizieller erstmals die Hosen runtergelassen. Das Problem dabei ist, dass selbst dieser Wert noch längst nicht erreicht ist. Aktuell liegen die Rems-Murr-Kliniken bei 0,93, und Gruber bezeichnete es als „sehr ehrgeizig“, die 1,0 zu schaffen.

Nochmals ein Rückblick: Landrat Johannes Fuchs hatte laut Gernot Gruber schon 2008 eine Wirtschaftlichkeitsberechnung von Rödl&Partner vorliegen, die auf dem Wert von 1,0 fußte, sie aber nicht veröffentlicht. Damals versuchte Gruber mit Engelszungen, Fuchs umzustimmen, dass er diese Studie auch präsentieren sollte. Gruber wandte sich sogar an Regierungspräsident Johannes Schmalzl. Dieser solle Fuchs anweisen, eine Wirtschaftlichkeitsberechnung mit weniger optimistischen Annahmen vorzulegen. Gruber geißelte fehlerhafte Aussagen und forderte gar, den Neubauprospekt einzustampfen.