Ein Projekt, das auf Dauer angelegt ist

Städtischer Kindergarten im Biegel widmet sich der Gewaltprävention – Fachliche Begleitung im Rahmen von „Kita 2020“

„Es lohnt sich, da eingestiegen zu sein“, resümiert Roswitha Hahn, die Leiterin des städtischen Kindergartens im Biegel. Seit vergangenen Herbst ist die Einrichtung beim Projekt „Kita 2020“ dabei und erhält – ebenso wie der Waldkindergarten Meisennest – kundige Begleitung in Fragen der Gewaltprävention. „Wir sind voll motiviert, dran zu bleiben“, zieht Roswitha Hahn Zwischenbilanz.

„Meine Grenzen – deine Grenzen“: Kinder trainieren Gesten mit Signalwirkung und üben sich so in Selbstbehauptung. Foto: E. Layher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Mit einem ersten Elternabend Ende Oktober vergangenen Jahres hat das Projekt für den Kindergarten offiziell begonnen. Die Erzieherinnen hatten sich jedoch schon lange davor mit der Materie befasst und das Thema Gewalt gegen Frauen als persönlichen Auftakt gewählt.

Eine weitere wichtige Station im Vorfeld war ein Tag im Team zu Gewalt und Gewaltprävention, bei dem die eigene Haltung im Fokus stand. Die Erzieherinnen hinterfragten ihren Gewaltbegriff, auch aufgrund persönlicher Erfahrungen in der Kindheit und in der Schule. Alltägliche Erscheinungsformen von Gewalt wurden beleuchtet: Was bedeutet etwa ein Klaps auf den Po oder eine Ohrfeige? Wie fühlt es sich an, angeschrien zu werden? Aber auch: Was geht emotional ab, wenn sich zwei Kinder prügeln?

Solchen Situationen, die im Alltag immer wieder auftreten, wollen die Erzieherinnen einen achtungsvollen Umgang miteinander und Respekt voreinander als Ziel entgegensetzen. „Es ist uns ein Anliegen, Gewaltprävention in den Kindergärten zu verankern“, erklärt Bärbel Widmer vom städtischen Amt für Familie, Jugend und Bildung. Mit der Einrichtung im Biegel und dem Meisennest nehmen zwei ganz unterschiedliche Kindertagesstätten am Projekt „Kita 2020“ der Initiative Sicherer Landkreis teil: das eine ein absolut bunt zusammengesetzter innerstädtischer Kindergarten mit 60 Kindern aus 17 Nationen in drei altersgemischten Gruppen, das andere eine maximal 20 Kinder umfassende Gruppe, in der das Draußensein – das Abenteuer unter freiem Himmel – die alltägliche Erlebniswelt bestimmt. In beiden Kindergärten sollen Erfahrungen gesammelt werden, die dann in die Arbeit der anderen 16 Kitas in Backnang einfließen.

„Kita 2020“, so erklärt Maren Sauer, die das Projekt seitens der Initiative begleitet, erlaube eine individuelle Reaktion auf die Bedürfnisse der einzelnen Einrichtung. Dementsprechend hätten die Erzieherinnen im Biegel-Kindergarten einen Handlungsrahmen erarbeitet und abgesprochen, zu welchen Punkten Unterstützung von außen erwünscht ist: „Die Motivation muss aus dem Team kommen. Ich kann Anregungen geben.“ Jeder Kindergarten entwickle dabei aber sein eigenes Tempo.

Eine Sache aus der Praxis, die im Kindergartenalltag immer wieder auftaucht, ist das Essen. Was tun, wenn die Kleinen das von daheim mitgebrachte Vesper verschmähen? „Wenn man sie zwingt, ist es Gewalt“, wissen die Erzieherinnen. Aber bisweilen versuchen Eltern, den Druck, den sie selbst auf ihre Sprösslinge ausüben würden, auf die Erzieherinnen zu übertragen. Dennoch halten die pädagogischen Fachkräfte an ihrer Linie fest: Hat ein Kind Hunger, isst es auch.

Frei von Zwängen sollen die Kinder auch die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, die bei ihnen im Kindergarten zusammentreffen, kennenlernen. Offen wird beispielsweise über alle Feste in den unterschiedlichen Religionen gesprochen, es gibt dazu einen interkulturellen Kalender, der alle Festtage enthält. Mit den Kindern werden unterschiedliche religiöse Stätten besucht, Kirchen ebenso wie die Moschee. Und es werden mit großer Begeisterung internationale Gerichte gekocht. „Das Projekt dockt am Orientierungsplan an“, erläutert Kindergartenleiterin Roswitha Hahn. Dort wird ausdrücklich auf das Bildungs- und Entwicklungsfeld Sinn, Werte und Religion abgehoben. Und Kinder aus geflüchteten Familien? Kein Problem, sagt Hahn: „Alle sind willkommen.“

Mit dem Projekt wurde „ein Prozess in Gang gesetzt“, der sich jetzt entwickle, erklärt die Kindergartenleiterin. Man sei stärker über das Thema im Austausch als vorher. So überlegen die Erzieherinnen, wie den Kindern mehr Raum gegeben werden kann beziehungsweise wie Räume angepasst werden können. Denn: Halten sich zehn Kinder zusammen in einem Raum mit 14 Quadratmetern auf, dann ist das Risiko für Gewalt, wenn die Kleinen nichts zu tun haben, höher, als wenn sie viele verschiedene Möglichkeiten geboten bekommen.

„Ich erlebe, wie wir Themen herausfinden, um uns weiterentwickeln zu können“, schildert Roswitha Hahn den Stand der Dinge. Maren Sauer verweist auch auf die Netzwerktreffen, zu denen die Initiative Sicherer Landkreis immer einlädt: Dort erfahren die Erzieherinnen weiteren Input. Auf Nachhaltigkeit legt auch Bärbel Widmer Wert: „Vom Projekt soll etwas auf Dauer bleiben.“