Ein fast klassisches Weihnachten

Wohnstätte der Paulinenpflege Winnenden in Murrhardt bereitet sich aufs Fest vor – Geschichte und Bescherung an Heiligabend – Christbaum aus Zwerenberg

In der guten Stube der Murrhardter Paulinenpflege-Wohngruppe lässt sich die Vorfreude auf Weihnachten mit Händen greifen: Adventsschmuck, Lichterketten, Festdeko und liebevoll geschmückter Weihnachtsbaum – selbst der Balkon zeigt sich mit schicken blauen Lichtakzenten. Mittendrin Thomas Maurer, der ein Knecht-RuprechtGedicht rezitiert, und Marianne Winkler, die ein Weihnachtslied anstimmt.

In der guten Stube der Wohngruppe weihnachtet es – die festliche Deko, insbesondere mit Lichtern, ist den Bewohnern wichtig. Lukas Friz (Fünfter von rechts), der seinen Bundesfreiwilligendienst dort macht, packt auch mal seine Gitarre aus, um gemeinsam mit der Gruppe ein paar Lieder zu singen.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Insgesamt sind es 17 Frauen und Männer mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen, die im Obergeschoss der Wohnstätte in der Murrhardter Ludwig-Beck-Straße leben. Zwei weitere Mitglieder halten sich regelmäßig dort auf, haben aber ihre eigenen vier Wände.

Jetzt, kurz vor Heiligabend, ist für die Großwohngemeinschaft einiges geboten. Die Werkstatt der Paulinenpflege in der Walterichstadt, wo viele arbeiten, hat ein Krippenspiel mit klassischen Rollen wie Maria und Joseph, den Hirten, drei Königen und dem Verkündigungsengel organisiert. Es werden also einige auf der Bühne stehen. „Anschließend geht es für die Bewohner und Mitarbeiter zu einem gemeinsamen Essen nach Nassach, das ist auch immer ein besonderer Höhepunkt“, erzählt Gruppenleiterin Edith Schüler.

Einer, der einen ausgesprochen gut gefüllten Terminkalender hat, ist Thomas Maurer. Es bereitet ihm eine unbändige Freude, ein Weihnachtslied oder ein Gedicht vorzutragen, und die steckt an. „Ich mach Besuche bei Ärzten, bei der AOK oder dem Chef der Kreissparkasse in Murrhardt“, sagt er und strahlt. „Er hat dort einen Termin vereinbart und die Leute wissen, dass Thomas kommt“, ergänzt Edith Schüler. Sein Vortrag des Knecht-Ruprecht-Gedichts zeigt, wie routiniert der stadtbekannte Mitbewohner der Gruppe mittlerweile in dieser Hinsicht ist. Ebenso nimmt er regen Anteil am Geschehen in Murrhardt. Als Thomas feststellt, dass er sich auf den Gottesdienst an Heiligabend in der Stadtkirche mit der Kantorei freut, sagt er: „Der findet nur ohne Orgel statt, weil die Kirche eine neue bekommt.“

Eine Gruppe von Bewohnern um Mitarbeiterin Denise Gröner hat sich um eine der zentralen Vorbereitungen fürs Fest gekümmert und zwei Weihnachtsbäume besorgt – auch die Nachbargruppe im Untergeschoss mit 14 Frauen und Männern sollte versorgt sein. Der Ausflug zu einem Händler mit Christbaumkultur in Zwerenberg entwickelte sich zu einem kleinen Abenteuer. Nicht nur, dass es ziemlich kalt war, dann aber Punsch zum Aufwärmen gab, wie Klaus Rosenberger berichtet. Nachdem die guten Stücke verladen waren, steckte der Bus im Schlamm fest. „Mein Mann war mit einem Bekannten in der Nähe und hat uns rausgezogen“, sagt Denise Gröner. Mit Bewohnerin Ilona Bucher hat sie sich dann ans Schmücken gemacht. Überhaupt ist die Wohnstube liebevoll dekoriert.

„Die Lichter sind den Bewohnern in dieser Zeit wirklich wichtig“, erzählt Edith Schüler. Auch andere Klassiker gehören dazu: das Singen und Plätzchenbacken, die allerdings immer sehr schnell aufgefuttert sind. „Wir singen auch mal zusammen Weihnachtslieder, ich und Lukas Friz, der gerade seinen Bundesfreiwilligendienst in der Wohngruppe macht, begleiten dann auf der Gitarre“, sagt Uwe Steichele. Er wird wie ein paar andere an Heiligabend seine Familie besuchen. „Etwa sieben oder acht sind bei Verwandten, kommen aber am ersten Weihnachtsfeiertag zurück“, so Edith Schüler.

Jeder durfte auf einem Zettel

seine Wünsche notieren

Für den harten Kern hält das Team am 24. Dezember klassische Freuden bereit. „Kerstin König erzählt die Weihnachtsgeschichte, das ist immer sehr schön und so friedlich“, sagt Marianne Winkler, „und dann gibt es Bescherung.“ Jeder durfte auf einem Zettel seine Wünsche notieren. Nicht alle können erfüllt werden, und manche lassen erahnen, dass sich hinter den Geschichten der Einzelnen auch harte Schicksalsschläge verbergen, wie beispielsweise bei Marianne Winkler. Aufgrund ihrer Krankheit, die sie plötzlich aus ihrem bisherigen Leben riss und Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis nach sich zog, konnte sie in ihrem ursprünglichen Beruf im Buchhandel nicht mehr arbeiten. Dies könnte ein Kaufladen, den sie sich eigentlich zu Weihnachten wünscht, nicht ersetzen, aber Edith Schüler erzählt, wie sie einmal für die langjährige Bewohnerin mit den anderen Verkaufssituationen im Haus spielerisch wieder haben aufleben lassen.

Viele vom Team arbeiten an den Feiertagen, Denise Gröner und Lukas Friz am 24. Dezember, Edith Schüler übernimmt am 26. Dezember. „Meine Familie ist das gewöhnt, und ich wollte es auch nicht anders“, sagt sie. Als Frau der ersten Stunde begleitet sie die Wohngruppe seit ihrem Einzug im Jahr 2000. „Man geht mit den Menschen hier ein Stück weit durchs Leben, es entstehen enge Beziehungen, man freut sich mit ihnen und leidet mit ihnen. Die Wohngruppe ist sozusagen meine zweite Familie.“

Auch Denise Gröner und Lukas Friz sind auf ihre Art Überzeugungstäter. Der junge Mann hat seinen Bundesfreiwilligendienst auf eineinhalb Jahre verlängert, weil ihm die Arbeit so gut gefällt. Denise Gröner hat nach Sozialem Jahr und Ausbildung als Altenpflegerin in der Wohngruppe rund sieben Jahre in einer anderen Einrichtung gearbeitet, und ist im Frühjahr zurückgekommen. „Es ist so, als wäre ich nie weg gewesen.“

Natürlich bedeutet der Alltag inklusive Arztterminen, Einkaufen, Kochen für die komplette Mannschaft einiges an Organisation und bringt auch mal Stress. Für Edith Schüler bleibt es trotzdem ein ganz besonderer Job – vor allem an den Festtagen: „In Bezug auf Weihnachten gibt es eigentlich nur schöne Erinnerungen. Du wirst so herzlich empfangen und alle freuen sich, dass du da bist und dir Zeit nimmst, fragen, wie es dir und deinen Lieben geht. Das gibt einem viel, das kann man mit Geld nicht aufwiegen.“