„Auf einmal war ich dem Aufrecht sein Kumpel“

Erhard Melcher gründete zusammen mit Hans Werner Aufrecht vor 50 Jahren die Firma AMG in Großaspach – Der 78-jährige Burgstaller blickt zurück

Er ist das „M“ von AMG. Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Erhard Melcher zusammen mit Werner Aufrecht in Großaspach die Firma AMG gründete. Von der Garagenfirma zum Großunternehmen. Heute blickt der Wahlburgstaller für unsere Zeitung in den Rückspiegel. Der 78-Jährige erzählt von den Anfängen des Tunings für MercedesAutos, vom Motorenprüfstand im Steinbruch Gläser und seinem Kauf von Altarkerzen in einer Backnanger Drogerie.

Lebemann und Individualist: Der gebürtige Rheinländer Erhard Melcher weiß stundenlang über jedes Exponat in seinem kleinen, aber feinen Museum bei der Alten Mühle in Burgstall zu erzählen.

Von Florian Muhl

BURGSTETTEN. „Bringen Sie viel Zeit mit. Ich hab viel zu erzählen“, bittet Melcher gut gelaunt und dennoch fordernd den anrufenden Reporter. Aber wie viel Zeit ist „viel Zeit“? Um es vorwegzusagen: sehr, sehr viel Zeit! Auf dem Weg von seinem Wohnhaus unten bei der Mühle in Burgstall zu der nur einen Steinwurf weit entfernten AMG-Wirkungsstätte der ersten Jahre sagt Melcher lachend: „Wissen Sie, eigentlich hab ich mit Autos gar nichts am Hut. Autorennen finde ich doof. Ich bin ein Motorradmann, durch und durch.“ Und dann beginnt er zu erzählen, von seiner Kindheit und Jugend, auch von der Schulzeit, da war er zunächst ein Versager, ein Querkopf, aber so wenig Begeisterung, wie er als Pennäler fürs Gymnasium aufbrachte, so riesig war die Euphorie für motorisierte Zweiräder. Insbesondere fürs Tüfteln, denn die Mopeds mussten doch noch schneller zu machen sein. Je flotter, desto besser.

Das Tüfteln hat er bis heute nicht verlernt. Damit hat er sein Geld verdient. Es war und ist Melchers Leben. Und den Führerschein, den er als Jugendlicher noch nicht besaß, den hat der Rheinländer längst in der Tasche. Den Motorradführerschein. Den für Autos hatte er selbst als junger Ingenieur noch nicht, als er sich zwischen den beiden attraktiven Arbeitgebern Porsche und Mercedes entscheiden musste. „Aber das ist eine andere Geschichte“, lacht Melcher, der gerne vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Seinen Lieblingssatz „Das ist eine andere Geschichte“ sagt er an diesem Tag gefühlt ein Dutzend Mal. Der nächste Termin bei ihm ist fast schon gebucht.

Aber wie war das denn nun vor 50 Jahren? „Die Anfangsgeschichte geht so“, holt Melcher tief Luft. „Aufrecht war auf dem Motorenprüfstand der König der 300-SE-Motoren, mit denen man damals Rennen und Rallyes fuhr. Ein Mitarbeiter der Sportabteilung, Manfred Schiek aus Möglingen, hatte sich einen alten 300SE gekauft, den er mithilfe der Sportabteilung zum Rennauto aufbauen wollte. Die Sportabteilung konnte zwar Autos bauen, aber keine Motoren.“ Melcher war damals in der Motorenabteilung. „Aufrecht hatte sich vorher mit mir furchtbar gestritten, wir hatten uns auf dem Prüfstand in die Wolle gekriegt, weil er dachte, der Melcher, das ist so’n reingeschmeckter Jungingenieur, rheinische Klappe, so’n Hänfling, und er war der gestandene Mercedes-Mann mit 100 Meistern im Rücken, der wusste alles besser“, schmunzelt Melcher heute noch. „Er wusste aber nicht, dass ich schon sechs oder sieben Jahre Rennsport auf dem Buckel hatte, aus der Motorradzeit, und dass ich sehr genau wusste, wie ein moderner Rennmotor aussah.“

Trotzdem: Aufrecht ging dann doch auf Melcher zu, ob er ihm nicht beim Bau des Rennmotors für Schiek helfen könne. Melcher fühlte sich geehrt und bestätigt zugleich. Jetzt endlich ging es los mit dem Tüfteln und dem Motorentuning. „Dann sind wir das ganze Jahr mit Schiek zu jedem Rennen gefahren. Er ist sogar deutscher Rennsportmeister geworden.“ Dadurch wurden die Mercedes-Tuner ziemlich berühmt.

„Dann kamen die Kunden und

wollten von uns mehr PS haben“

„Wir haben bewiesen, dass man mit diesen alten Mercedes noch richtig Rennen fahren kann. Vorher wurde ich von den alten Meistern aus der Rennabteilung oft abgeblockt. Aber auf einmal war ich dem Aufrecht sein Kumpel.“

Mercedes hat die alten Rennautos 1966 an private Rennfahrer verkauft, allerdings mit einem normalen Motor drin, berichtet Melcher. „Dann kamen die Kunden und wollten von uns mehr PS haben. Einer wollte sogar eine Direkteinspritzung.“ Melcher und Aufrecht kommen ins Grübeln: „Das war damals der teuerste Motor, den man kaufen konnte. Da konnten wir nicht einfach Löcher reinbohren.“ Melcher hat sich Konstruktionszeichnungen besorgt, diese bei Aufrecht zu Hause in Großaspach an die Wohnzimmerwand gehängt und ausgetüftelt, wie man so was macht. Der gelernte Werkzeugmacher hat dann eine Vorrichtung gebaut. „Damit konnten wir im Keller von Aufrecht mit einer Handbohrmaschine Löcher in diese teuren Motoren für die Direkteinspritzung bohren. Und wir hatten auch andere Nockenwellen. Dann hatten wir anstatt der 200 PS plötzlich 238 PS.“

Es dauerte nur wenige Renntage, dann wollten alle Mercedes-Fahrer auch so einen Motor. „Wie die Teufel haben wir in dem Jahr – da waren wir noch bei Mercedes – in Aufrechts Keller diese Motoren gebaut und die Autos betreut, ziemlich erfolgreich. Wir haben unseren ganzen Urlaub dafür eingesetzt. Mir lief meine Freundin weg damals, weil ich ja nie da war und immer schmutzige Finger hatte. Mir war das alles viel zu stressig. Ich hab einen Kreislaufkollaps gekriegt und hab beschlossen: Das mach ich nicht mehr weiter.“ Aufrecht hatte Melcher überredet, sich doch selbstständig zu machen. Melcher riskierte es und fing am 1. April 1967 in Burgstall an. Die Räumlichkeiten bei der Mühle hatte er durch eine Annonce kennengelernt. Bei Aufrecht konnten sie nicht mehr arbeiten.

Auch wenn Aufrecht bereits im Firmennamen AMG auftauchte, war Melcher zunächst doch allein. „Und G steht für den Gründungsort Großaspach, obwohl die Firma offiziell erst hier in Burgstall gegründet wurde“, sagt Melcher. „Abends kam Aufrecht, der hatte ja Frau und Kinder, hatte ein Haus gebaut, musste einen Kredit abbezahlen, der konnte bei Mercedes nicht einfach aufhören. Das war ja sehr unsicher, was wir da machten.“ Dann hatten die beiden Glück, denn Mercedes hatte für den erfolgreichen /8 („Strich-Acht“), der 1968 auf den Markt kam, offensichtlich keine zugkräftigen Motoren im Programm.

„Es gab damals eine Menge junge Mercedes-Kundschaft, Söhne von großen Firmenbossen, die auch sportliche Autos fahren wollten, aber die mussten alle Mercedes fahren, weil der ganze Fuhrpark der Unternehmen aus Mercedes-Fahrzeugen bestand und weil sie Rabatte kriegten. Und dann hatten sie lahme Autos, aber ihre Kumpels, Zahnärzte und Notare, fuhren denen mit ihren BMW und Porsche um die Ohren. Da kamen die Mercedes-Söhne zu uns und haben sich Motoren bauen lassen“, lacht Melcher, der beim Rundgang in seinem kleinen, aber feinen Museum an einem Steinbruchfoto stehen bleibt: „Wir hatten später als einzige Tuningfirma einen eigenen Motorenprüfstand oben im Steinbruch Gläser bei Zwingelhausen, da kannten wir den Chef, der hat uns erlaubt, ein Prüfstandsgebäude zu bauen – der steht übrigens heute noch da.“

„Da hab ich bei der Drogerie Dorn

in Backnang Altarkerzen gekauft“

Melcher könnte noch Tausende Begebenheiten erzählen, aber die eine muss noch sein. Er greift ins Regal, zieht ein gebogenes Etwas heraus, das aussieht wie eine Zucchini, aber wachsfarben ist. Und er deutet auf einen Ansaugkanal aus Kunststoff, den er selbst gefertigt hat. „Den Kunststoff musste man ja auf irgendetwas drauflaminieren. Da hab ich bei der Drogerie Dorn in Backnang Altarkerzen gekauft, hab die in einer Drehbank konisch gedreht, danach in einen Eimer heißes Wasser getaucht und hab sie dann, wenn sie warm und weich waren, zurechtgebogen. Anschließend haben wir den Kunststoff herumlaminiert und das Wachs ausgeschmolzen. Das ist ’ne Technik, die die alten Römer schon hatten, wenn sie ihre Kunstwerke gemacht haben.“

Nach all den vor PS strotzenden Renngeschichten bleibt nur noch eine Frage: Welchen AMG-Boliden fährt Melcher selbst? Der lacht. „Wie gesagt. Ich mache mir nichts aus Autos. Ich fahre seit 28 Jahren einen Mitsubishi L300 und einen 26 Jahre alten VW Polo.“ Aber die Leidenschaft für Motorräder ist ihm geblieben. Davon hat er noch vier.