Fußgänger totgefahren: Der Angeklagte erinnert sich nicht

20-Jähriger steht in Stuttgart vor Gericht: Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung und Mordversuch durch unterlassene Hilfeleistung

KAISERSBACH/STUTTGART (wic). Ein 20-Jähriger soll in der Nacht zum 8. Juli 2017 gegen 3.30 Uhr früh auf dem Nachhauseweg vom Sandlandfest einen 22-jährigen Fußgänger überfahren und tödlich verletzt haben. Der Auszubildende erinnert sich kaum an jene Nacht. Er wisse, „dass da was passiert ist“, aber nicht was, sagte der Mann gestern beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Stuttgart. Der Auszubildende ist der fahrlässigen Tötung und des versuchten Mordes angeklagt.

Den Verkehrsunfall hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft vor allem wegen der anschließenden Unfallflucht des Beschuldigten als ein Verbrechen des versuchten Mordes, der vorsätzlichen Verkehrsgefährdung, des vorsätzlichen Fahrens unter Drogen und Alkohol sowie wegen unterlassener Hilfeleistung eingestuft und den Fall an eine große Jugendstrafkammer an das Stuttgarter Landgericht eingereicht. Den Mordversuch begründet die Anklage mit der Billigung des 20-Jährigen, wonach durch seine Drogen- und Trunkenheitsfahrt ein Mensch zu Tode komme. Als Tatwaffe diente hier das Auto. Außerdem sei der Angeklagte gerade wegen des konsumierten Alkohols – man geht von einer Konzentration zur Tatzeit von mindestens 1,41 Promille aus – überhaupt nicht mehr fahrtüchtig gewesen und hätte sich nicht ans Steuer setzen dürfen.

Opfer lag alkoholisiert

auf der Straße

Auf der Stuttgarter Anklagebank sitzt nun der 20-Jährige, der im Kern nicht abstreitet, in jener Julinacht des letzten Jahres zusammen mit drei Freunden mit dem Fahrzeug auf dieser Strecke unterwegs gewesen zu sein. Laut Staatsanwaltschaft sei er viel zu schnell gefahren, als er am Schillinghof vorbeifuhr und dort dann den ebenfalls angetrunkenen 22-Jährigen überrollte. Das Opfer lag aufgrund seines Alkoholrausches allerdings bereits auf der Straße und war vermutlich zuvor zu Fuß unterwegs gewesen, wie es im Ermittlungsbericht der Polizei heißt. Den Unfall hat der 22-Jährige nicht überlebt. Er verstarb an den schweren inneren Verletzungen.

Der Angeklagte soll sein Fahrzeug nach dem Überrollen des Opfers allerdings unbeirrt weitergesteuert haben und erst nach etwa 220 Metern angehalten haben. Und dies nur, um nachzusehen, ob an seinem Fahrzeug, einem Seat Ibiza, Schäden zu entdecken sind. Danach sei er weitergefahren, habe unterwegs seine drei Mitfahrer abgesetzt und sei dann nach Hause gefahren.

Was er zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch nicht wusste, war die Tatsache, dass bei dem Aufprall des Opfers sein vorderes Kennzeichen und weitere Fahrzeugteile abgerissen wurden und am Unfallort liegen geblieben sind. Daraufhin hatte die Polizei schnell feststellen können, wer der Fahrer war. So suchten die Beamten bereits am nächsten Morgen den 20-Jährigen in seiner Welzheimer Wohnung auf.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten weiterhin vor, dass er sich nach dem Überrollen des Opfers nicht um den am Boden liegenden schwerverletzten Mann gekümmert und keine Erste Hilfe geleistet hatte.

Schon mit 16 Jahren

Drogen konsumiert

In ersten polizeilichen Vernehmungen hatte der 20-Jährige aufgrund der Auffindung des Kennzeichens am Unfallort die Tat nicht abstreiten können. Nach seiner Anhörung, bei der er ein Geständnis ablegte, und der Vernehmung seiner damaligen Mitfahrer war er zunächst festgenommen, dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. In der ersten Vernehmung hatte er ausgesagt, er sei über einen Gegenstand gefahren, es habe gerumpelt, und dann sei man weitergefahren. Erst im September, als die Staatsanwaltschaft den Verdacht eines versuchten Mordes bekräftigt hat, wurde der 20-Jährige erneut festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Vor Gericht gibt er jetzt an, dass er schon seit dem 16. Lebensjahr Alkohol und Marihuana konsumierte. Meist bei Anlässen mit Freunden und an Wochenenden. Der Drogenkonsum habe sich danach gesteigert. Wie hoch die Drogenmenge aber am Abend vor dem Unfall war, daran erinnere er sich jetzt nicht mehr. Und was den Unfall selbst betreffe, daran habe er ebenfalls keine Erinnerung mehr. Er wisse auch nicht, wieso er bei der Polizei Einzelheiten genannt habe: Es sei etwas auf der Straße gelegen und er habe keine Möglichkeit mehr gehabt, auszuweichen. In dem Verfahren hat das Gericht zwei Sachverständige geladen. Sie sollen Auskunft über den Trunkenheitsgrad des Angeklagten zur Tatzeit und über seinen Zustand hinsichtlich der Drogen geben. Auch zur genauen Todesursache des Opfers ist ein Gutachter bestellt. Es sind sechs Verhandlungstage mit der Vernehmung von sieben Zeugen angesetzt. Ein Urteil soll am 8. März gesprochen werden.