Von der Kleiderschrankleiche zum Design-Unikat

Die Modedesignerin Claudia Fischer macht Männermode mit ungewöhnlicher Kreativität

Von Simon Haas

BACKNANG. Dass Rüschchen und Perlchen nicht so ihr Ding sind, sieht man ihr an. „Ich bin eher der technische Typ“, sagt sie. Ihre Garderobe: ein Rock aus grauem Cord, darüber ein gestreiftes Top mit Spaghettiträgern. Die 31-Jährige könnte auch Erzieherin oder Buchbinderin sein – wären da nicht die zwei feuerroten Ohrringe aus lebensgroßen Plastikkirschen. Claudia Fischer ist Modedesignerin und der kreative Kopf hinter dem kleinen Backnanger Label Codierbar. Einmal in der Woche schneidert sie vor dem Backnanger „Wohnzimmer“ unliebsame Kleiderschrankleichen um in unkonventionelle Design-Unikate.

„Angefangen hat alles hier im Wohnzimmer, auf dem Klo“, sagt sie, hebt den Kopf und lacht, während die Kirschen an ihren Ohren fröhlich hin- und herschaukeln. Die weißgekachelten, mit bunten Polit- und Pop-Parolen überklebten Toiletten-Wände dienten als Fotoshooting-Kulisse für ihre Merchandise-Kollektion. „Das war gewissermaßen meine Eintrittskarte ins Wohnzimmer“, sagt Fischer, die mit dessen Chef Alexander Lisson bislang nur bei der Versorgung mit Augustiner und Jägermeister-Shots kooperierte. Ein Jahr später trugen Lissons Mitarbeiter die Shirts der Modedesignerin zum 10-jährigen Bestehen der Bar.

Claudia Fischer ist gebürtige Backnangerin. Genauso wie ihre Kollektionen. Denn ihre „Dynamico“-Jacken und „Coolinario“-Hemden sind nicht nur „Designed in Germany“, wie auf vielen Produkten vermeintlich deutscher Herkunft mittlerweile zu lesen ist, sondern tatsächlich noch „(hand-)made“ in Backnang, Germany. Vom Werkzeug, der Näh- und Kettelmaschine, über den Schnitt bis zu den Stoffen. Die Druckknöpfe (übrigens ihr Markenzeichen) bestellt die erklärte Reißverschluss-Gegnerin zwar der Qualität wegen bei den zwei Marktführern; die Stoffe jedoch stammen ausschließlich aus deutscher Produktion. Aus der Weberei in Bad Säckingen zum Beispiel. Zu deren Kunden gehört auch ein großer schwäbischer Textilhersteller, der dort seinen bügelfreien Hemden-Stoff bestellt. Selbst Fischers Ideen müssen nicht importiert werden. „Ich lese keine Modemagazine“, sagt sie selbstbewusst. Das letzte Mal habe sie eins pflichtschuldig auf der Modedesign-Schule in Berlin in den Händen gehalten. Und Shoppen hasst sie. Wie viele Männer vermutlich auch.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum unter ihrem Label Codierbar ausschließlich Männermode firmiert – und Fischer eine clevere Marketingstrategie ersann. Alles begann auf ihrem Messestand mit einer Art Glücksrad mit Aussicht auf Freibier – dem sogenannten ProBIERrad. Aus dem ProBIERrad auf der Messe wurden schließlich die ProBIERanten im Wohnzimmer: Bar-Besucher, die freiwillig zwei Kleidungsstücke anprobiert hatten, durften sich bei Lisson ein Freibier abholen. Inzwischen tourt Fischer mit diesem Konzept durch Bars und Kneipen in ganz Baden-Württemberg.

Der Backnanger Wohnzimmer-Inhaber war sofort begeistert von Fischers Idee, Bar-Betrieb mit Männermode-Shopping zu „crossen“. Eine frische, geradezu Berliner Idee, umgesetzt freilich mit schwäbischem Unternehmergeist. In Berlin, wo Fischer ihr Handwerk gelernt hat, gebe es zwar viele Kreative mit tollen Ideen. „Aber letztlich beziehen sie HartzIV und kriegen wenig auf die Reihe“, sagt sie. Ganz anders in ihrer Heimat: „Hier labern die Leute nicht nur, sondern setzen ihre Vorstellungen auch konkret um.“

Die Idee, jeden Mittwoch vor dem Wohnzimmer eine Nähstube aufzubauen, wirkt da im Vergleich fast schon altbacken. Die Kreationen, die sie dort spontan zusammenschneidert, wirken jedoch alles andere als angestaubt. Dank Facebook hat sich das inzwischen auch bis nach Waldrems rumgesprochen: Markus Weller und Sebastian Frey liefern gerade ein halbes Dutzend T-Shirts bei der Modedesignerin ab. Fischer beäugt die Fundstücke aus der Mottenkiste. Konkrete Vorstellung haben die Waldremser nicht. „Mach ruhig“, sagt einer der beiden, „wir gehen erst mal was trinken – dann ist das Ergebnis eigentlich egal.“

Inzwischen hat sich noch weitere Kundschaft angekündigt: „Da kommt noch wer um halb zehn“, ruft Lisson ihr zu. Viel Geld verdient Claudia Fischer – trotz der unverhofft regen Nachfrage – in der Nähstube freilich nicht. Den Ehrgeiz, irgendwann industriell fertigen zu lassen, habe sie aber sowieso nicht. „Ich bin schon happy, wenn meine Kleinserie verkauft wird und ich damit okay leben kann“, sagt die Modedesignerin und fügt noch hinzu: „Ich habe lieber weniger Kunden – und dafür glücklichere.“