Die Philosophie einer Putzfrau

Babette Walter präsentiert als Carola Petzold ihr erstes Soloprogramm im Kabirinett
Putzfrau in modernem Pink: Carola Petzold alias Babette Walter bei ihrem Auftritt in Großhöchberg.Foto: E. Layher

Von Marina Heidrich

SPIEGELBERG. „So, Feierabend!“ Noch mal kurz mit den rosaroten Polierpuschen übers Parkett gewirbelt, das Wägelchen mit Eimer, Schrubber und Putzutensilien geschnappt – und dann ab von der Bühne. So beginnt Babette Walters neues Programm, das im Kabirinett Größhöchberg Premiere hatte.

In ihrer Paraderolle als Putzfrau Carola Petzold aus „Leipzsch“ wirft die Sächsin noch einen letzten Blick auf die blitzblanke Bühne und entdeckt, dass das Publikum der folgenden Spätvorstellung schon anwesend ist. Um die Wartezeit zu überbrücken und da Frau Petzold ein äußerst kommunikatives Wesen ist, erläutert sie die Bühnentechnik. Versehentlich wird ein Effekt ausgelöst und die ganze Putzaktion ist hinfällig. Also heißt es für Carola Petzold: erneut fleißig schrubben und das, obwohl sie ein Date hat und unter Zeitdruck steht.

Ganz nebenbei erzählt die Dame im pink gemusterten Kittelschurz über ihr Leben, ihre Leidenschaft, ihre Träume und Karl-Heinz, dem Mann fürs Leben. Der Mann, wegen dem sie 1990 kurz nach der Wende ihren sicheren Job als Zierfischfachverkäuferin hingeschmissen hat, der Mann, dem sie in den Westen gefolgt ist und der ihr das kleine rosarote Herz gebrochen hat.

Wie gut, dass Carola ihre Emotionen immer wieder am persönlichen Feind auslassen kann: dem Dreck. Babette Walter erhebt in ihrem ersten eigenen Soloprogramm „Rausgeputzt“ das Putzen zur Philosophie. Zwei Stunden wirbelt sie putzteufelswild über die Bühne, lässt das Publikum zur Einstimmung sich erst mal ein Ründchen mitfreuen, referiert über die Tücken des ehemaligen Hüben und Drüben und das spannende Leben eines Tropfens Bodenseewasser.

Auch die Esoterik kommt nicht zu kurz, mithilfe ihres zur Wünschelrute umfunktionierten Schrubbers namens Henri kann sie sogar dreckige Gedanken aufspüren. Das Publikum lernt ihre Beziehung zu Putzi, einem musikalischen Antennenwels, kennen und erfährt das Geheimnis, warum man nicht gleichzeitig rechnen und pfeifen kann. Als bekennende Katholikin spielt das Thema Schuld und Sühne für Frau Petzold natürlich eine große Rolle. Musste sie sich für die erste Beichte bei der Kommunion noch Sünden ausdenken, purzeln diese später ganz von selbst in ihr Leben. Und werden nach und nach unter den Teppich gekehrt. Hier hilft auch keine Beichte, denn wie soll ein katholischer Priester eine Sünde vergeben, die in einem jüdischen Tauchbecken oder einem buddhistischen Yogaraum begangen wurde?

Als Zuschauer ist man hin- und hergerissen zwischen schallendem Gelächter bei der Tauchbeckenschwimmaffaire, Mitleid, wenn Frau Petzold beim Gedanken an den untreuen Karl-Heinz herzzerreißend in Tränen ausbricht, und Sorge, als das zierliche Persönchen auf einem rosafarbenen Putzeimer balancierend ihr Kommunionkleid beschreibt. Eigentlich hat das Programm „Rausgeputzt“ eine tragisch-melancholische Grundnote, denn wie Frau Petzold immer wieder naiv gutgläubig auf den falschen Mann („Er muss einfach nur sein wie Karl-Heinz, dann ist er perfekt“) und die falschen Entscheidungen setzt, könnte ganz schön traurig sein – wäre da nicht diese Hoffnung und positive Grundeinstellung der liebenswerten Sächsin, garniert mit skurrilen Lebensweisheiten (zum Beispiel flugfähige Strauße als Feinstaubfänger), die Lachen und Schmunzeln auslösen. Als Carola Petzold am Ende in einer Wolke aus Seifenblasen das Lied „Gib mir einen Moment Zeit“ singt, wird dies zur Liebeserklärung an das Leben. Und Babette Walter taucht ein in eine Welle warmen, herzlichen Applauses.