Zirkusreife Akrobatik auf einem Rad

Großes Gewusel in der Kirchberger Sporthalle: Bei der Einrad-AG der Grund- und Werkrealschule lernen Kinder Koordination

Das freut das Auge des Beobachters – in der Kirchberger Sporthalle wuselt und saust es, man sieht Kinder auf Einrädern und Ripstiks hin- und herflitzen, ein Junge balanciert konzentriert auf einem großen blauen Holzball. Jeden Donnerstagmittag findet hier die Einrad-AG der Grund- und Werkrealschule Kirchberg statt. Ein Angebot, das Lehrer Christian Engelhard schon seit Jahren mit vollem Einsatz für Schüler ab der zweiten Klasse anbietet.

Christian Engelhard bietet die Einrad-AG schon seit mehreren Jahren mit vollem Einsatz an und die Kinder haben großen Spaß daran. Fotos: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

KIRCHBERG AN DER MURR. Angefangen hatte alles mit einem Zirkusprojekt, das die Schule 2003 veranstaltet hatte. „Die Kollegen haben alles selbst gemacht“, erinnert sich Engelhard. Es gab sogar ein richtiges Zirkuszelt. Das Programm wurde selbst gestaltet und auch Einräder waren dabei, auf denen man sein Geschick austesten konnte.

Der Sportlehrer fand das super und übte zu Hause unermüdlich, bis es mit dem Fahren geklappt hat. Bereits im folgenden Schuljahr rief er dann die Einrad-AG ins Leben, zunächst mit sechs ausgeliehenen Exemplaren, dann kaufte die Schule vier Stück. Mittlerweile ist der Bestand auf acht eigene Räder und sechs Hochräder angewachsen, die sogenannten Giraffen. Ein Meter achtzig hoch ist das größte. Da kommt man nur an der Sprossenwand hinauf.

In diesem Schuljahr besuchen 21 Mädchen und ein Junge die AG. Viele der Kinder besitzen eigene Räder. Doch der Kurs bietet noch mehr – das Repertoire wurde um Ripstiks (gewissermaßen ein Snowboard auf Rollen), Laufkugeln, Pogo-Sticks (ein Springstock zum Auf-und-ab-Hüpfen) und noch andere Geschicklichkeitsgeräte erweitert. Die Kinder können sich selbst aussuchen, womit sie gerade fahren wollen, sie probieren verschiedene Kunststücke aus, es herrscht ein fröhliches Durcheinander. Christian Engelhard unterstützt, leitet an und macht auch selbst mit.

Zu Beginn findet sich die ganze Gruppe zu einer kurzen Besprechung zusammen, dann geht es los, unterstützt von schwungvoller Musik. „Das ist wie Therapie hier“, schmunzelt Engelhard. „Es herrscht kein Leistungsdruck. Die Kinder kommen sehr gern.“

Und das funktioniert sehr gut. Es gibt kein Gerangel, jeder weiß sich zu beschäftigten, probiert etwas Neues aus, entwickelt eigene Figuren und Ideen. Ein Mädchen schnappt sich bunte Bänder und schwingt große Kreise damit, während sie auf dem Einrad fährt. Andere finden sich zusammen, reichen sich die Hände und bilden eine lange Schlange aus Rädern, bis schließlich über zwölf Schülerinnen und der Lehrer nebeneinander durch die Halle fahren. Vier Kinder bilden eine Kombination aus Ripstiks, Einrad und Laufball. Formationen bilden sich und lösen sich wieder auf. Einige Mädchen sausen auf den Brettern herum und spielen Fangen, andere schwingen bunte Bänder oder blaue Puschel. Geduldig warten die Hochradfahrer an der Sprossenwand, bis jemand sie an die Hand nimmt. Eine Mutter einer begeisterten Einradfahrerin ist fast jedes Mal dabei und unterstützt den Lehrer tatkräftig.

In den ganzen 14 Jahren, seit die AG ins Leben gerufen wurde, ist noch nie etwas Ernsthaftes passiert. Kippt ein Rad, springen die Kinder geschickt ab und fangen es auf, und auch Zusammenstöße kommen eigentlich nicht vor. Und das, obwohl alle ganz schön schnell unterwegs sind. Engelhard ist ein Autodidakt. Er hat verschiedene Zirkusfortbildungen besucht, etwa für Tellerdrehen oder das Diabolobalancieren, und das gibt er an seine Schüler weiter.

Manchmal kommt die breitere Öffentlichkeit in den Genuss einer Aufführung, zum Beispiel beim Schuljubiläum vor dreieinhalb Jahren. Doch das gibt es nicht in jedem Jahr. „Es ist hier auch immer Basisarbeit“, erklärt er. Jedes Jahr kommen wieder Anfänger dazu und die Erfahrenen verlassen die Schule. „Alles ist im Fluss.“ Für den – etwas unsportlichen – Beobachter ist es jedoch ganz erstaunlich, in welch kurzer Zeit die Mädchen und der Junge es geschafft haben, diese Fahrzeuge und Geräte zu beherrschen, bei denen man doch viel Balance und Körperbeherrschung aufbringen muss.

Keine Spur davon, dass ein Großteil der heutigen Jugend nicht mal auf einem geraden Strich balancieren kann. „Es sind alles mutige Kinder hier“, lobt Engelhard, während der Beobachter sinniert: „Das sind halt Kinder. Die machen einfach. Wir Erwachsene überlegen zu viel.“ Wer weiß – vielleicht überraschen und begeistern uns die mutigen Kinder in diesem Sommer wieder einmal mit einem zirkusreifen Auftritt.