Pornovideos von Kindern im Netz getauscht

Industriekaufmann erhält 22-monatige Bewährungsstrafe – 48-Jähriger aus Murrhardt gibt der Polizei Passwörter nicht preis

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG/MURRHARDT. Die Tauschbörsen für kinderpornografisches Material im Internet sind perfide aufgebaut. Nur wer selber entsprechendes Material hochlädt, kann auch anderes herunterladen. Ein Kriminalbeamter, der als Zeuge aussagt, erläutert den Hergang. Dem Landeskriminalamt war es gelungen, an eine entsprechende Datei zu kommen. Es ging um so eine Tauschbörse. Einer der Beteiligten wird identifiziert.

Die Spur führt zu einem 48-jährigen Murrhardter Industriekaufmann. Sein Haus wird durchsucht. Verschiedene Computer und Festplatten werden beschlagnahmt. Die Untersuchung des Materials gestaltet sich schwierig. Eine ganze Anzahl der Dateien ist durch Verschlüsselung geschützt, und die Kriminalbeamten vermögen diese nicht zu knacken.

Wie der Richter in seiner Urteilsbegründung später ausführen wird, hat der Beschuldigte die Ermittlungsarbeit der Polizeiexperten nicht unterstützt, das heißt, er gab die Passwörter nicht preis. Aber das, was aufgedeckt werden kann, ist ausreichend. Schon das Verlesen der Anklageschrift durch den Staatsanwalt ist eine Zumutung. Die Filme, die aus dem beschlagnahmten Material herausgefiltert wurden, werden aufgezählt: alles ist dabei. Oral-, Vaginal- und Analverkehr. Mal ists ein sechsjähriges Mädchen, mal ein zehnjähriges, dann ein siebenjähriges, ja sogar ein vierjähriges Mädchen. Im Rahmen der Beweisaufnahme bittet der Richter Staatsanwalt wie Verteidiger nach vorne. Anhand sogenannter Screenshots sollen sie sich von der Brisanz des beschlagnahmten Materials überzeugen. Der Richter nur: Es ist schwerer sexueller Missbrauch von Kindern zu sehen.

Der Angeklagte wird zur Person vernommen. Er hat nach dem Abitur ein Studium zum wissenschaftlichen Bibliothekar absolviert. Einige Jahre arbeitet er in seinem Beruf, wird dann aber arbeitslos. Als sich längere Zeit keine neue Stelle ergibt, macht er eine Umschulung zum Industriekaufmann. Drei Jahre ist er tätig, dann wieder arbeitslos. Seit Oktober letzten Jahres hat er wieder eine Anstellung. Doch das Ende ist bereits wieder absehbar. Er ist ledig, hat keine Kinder. Als der Richter den Angeklagten nach einer Therapie bezüglich seiner Neigungen befragt, springt ihm der Rechtsanwalt zur Seite. Es sei leider ein längerer Prozess, dass Beschuldigte ihre abnormen Neigungen realisieren und sich zu einer Therapie bereitfinden. So sei es auch bei seinem Mandanten.

Für den Staatsanwalt – so sein Plädoyer – ist der Fall klar. Besitz und Verbreitung von kinder- und jugendpornografischem Material. Schwerer sexueller Missbrauch wird gezeigt. Manche der Filme haben einen Umfang von 60 Minuten. Über so lange Zeit wurden Kinder erniedrigenden und missbräuchlichen Handlungen ausgesetzt. Er fordert zwei Jahre Freiheitsstrafe. Sie kann zur Bewährung ausgesetzt werden, muss aber an Bedingungen geknüpft werden.

Zu denken wäre an zu leistende Arbeitsstunden wie auch die Inanspruchnahme einer Therapie. Der Richter bleibt in seinem Urteil etwas unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. 22 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Bewährungszeit insgesamt drei Jahre. Weitere Auflagen: die einmalige Zahlung von 1800 Euro an den Verein Kobra, der Hilfen für Kinder und Jugendliche nach Missbrauch anbietet. 100 Stunden gemeinnützige Arbeit hat der Verurteilte zu leisten. Und die Aufnahme einer Verhaltenstherapie muss nachgewiesen werden. Insgesamt 503 Videos, so führt der Richter aus, sind auf den beschlagnahmten Computern und Festplatten gespeichert. Das bedeutet, dass 503 Kinder schwer missbraucht und ihrer geistig-seelischen Entwicklung schwerer Schaden zugefügt wurde. Dass es Menschen gibt, die bei der Betrachtung solchen Materials Freude empfinden, ist für den Richter nur schwer nachvollziehbar. Weil in der Kinderpornoszene Material gefragt ist, wird produziert. Und ständig werden weitere Kinder Opfer. Auch der Verurteilte hat sich in die Gruppe derer eingereiht, die das fördern. Die an das Urteil geknüpften Auflagen sind in festgesetzten Fristen zu erfüllen. Werden die Auflagen nicht erfüllt, besteht die Gefahr des Bewährungswiderrufs. Der Angeklagte akzeptierte das Urteil.