Eine Halle voll Industrie- und Zeitgeschichte

Das Technikforum steht unmittelbar vor seiner Eröffnung – Die vier großen Backnanger Industriezweige sind vertreten

Das Werk ist vollbracht. Fast. Am Samstag wird das Technikforum eröffnet. Noch werkeln, schrauben, ölen, streichen, polieren die Ehrenamtlichen die Exponate in der ehemaligen Produktionshalle von Kaelble, noch wird die Einrichtung aufgebaut, noch arbeitet man am Feinschliff. Dass etwas Großes entstanden ist, sieht man bereits.

Starke Partner für das Technikforum: Förderverein (Jürgen Beer, links) und Stadt (Kulturamtsleiter Martin Schick).Fotos: E. Layher

Von Peter Wark

BACKNANG. Ein Besuch vor Ort am gestrigen Dienstag in der Halle in der Wilhelmstraße 32: Von der üblichen Ruhe und Stille eines Museums ist man weit entfernt. Hier kreischt eine Säge, dort hämmert eine Bohrmaschine. Farbkübel stehen auf dem Boden, eine Leiter ist an einem Ausstellungsobjekt angelehnt. Zahlreiche Männer, und es sind ausschließlich Männer, viele von ihnen im Blaumann, etliche im fortgeschrittenen Alter, vermitteln den Eindruck emsiger Betriebsamkeit.

Die Spannung steigt, schließlich sind es nur noch vier Tage bis zur Eröffnung des Technikforums. Wenn es am Samstag um 11 Uhr mit einem Festakt eingeweiht wird, dann geht eine über ein Vierteljahrhundert dauernde Diskussion um die Einrichtung eines Technikmuseums in Backnang glücklich zu Ende.

In der von der Stadt erworbenen ehemaligen Produktionshalle, die 1938 errichtet worden war, findet sich ein angemessener Rahmen für die Präsentation Backnanger und damit auch deutscher Industriegeschichte. Alte Fotos zeigen, wie in der Halle Kaelble-Mitarbeiter geschafft hatten. Nach dem Krieg, auch das ist durch historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentiert, haben die amerikanischen Besatzer hier ihre Militärtrucks repariert.

Das Technikforum ist ein 1,8-Millionen-Projekt. Künftig kann man in der nach Plänen von Architekt Manfred Orlowski aufwendig umgebauten und sanierten Industriehalle unter einem Dach beeindruckende Exponate der vier großen und wegweisenden in Backnang vertretenen Industrien besichtigen: Gerberei, Spinnerei, Maschinenbau und Nachrichtentechnik. Eng verbunden ist das – auch bei der Präsentation im neuen Technikforum – mit den Namen der großen Unternehmen: Häuser, Adolff, Kaelble und ANT-Telefunken nebst Nachfolgefirmen. Und die ehemaligen Mitarbeiter dieser Unternehmen sind es auch, die die Erinnerung am Leben halten und die Exponate seit vielen Jahren auf Vordermann bringen und wieder aufarbeiten. Rund 30 von ihnen machen sich seit Langem um die Zeugnisse heimischer Wirtschaftsgeschichte verdient.

Ein Teil der Sammlung – damals unter dem Dach des Heimat- und Kunstvereins – war früher in den ehemaligen Räumen von Wohn-Sorg untergebracht, musste aber schon vor einigen Jahren wegen Schimmelbefalls und der damit verbunden Gesundheitsgefahr geschlossen werden. Diese und andere Exponate waren nun im Vorfeld des Umzugs ins neue Technikforum aufwendig mit dem Spezialverfahren der Trockeneis-Reinigung dekontaminiert und aufgearbeitet worden. Die Backnanger Firma Gockenbach hat den Umzug der Maschinen von Gerberei, Spinnerei und Kaelble von der alten Kaelblehalle ins neue Technikforum ausgeführt.

Eine Kunst bei der Konzeption der Schau bestand im Weglassen. Das Konzept stammt aus der Feder von Professor Dr. Joachim Kallinich, Honorarprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin. Der Museumsexperte (früher unter anderem Leiter des Berliner Museums für Kommunikation) sprach sich für einen gewissen Purismus aus.

Das Technikforum ist kein Museum in herkömmlichem Sinn, sondern ein Schaudepot. Das heißt, ein Teil der Ausstellungstücke ist in seinen Alltagskontext gestellt, in einer Lager- oder Werkstattsituation. Entsprechend werden vor Ort keine Informationen über einzelne Exponate gegeben. Vier Schautafeln informieren über die einzelnen Industriezweige und die bedeutendsten Firmen in Backnang. Weitere Informationen finden Smartphone-Nutzer über QR-Codes, die auf den Schautafeln angebracht sind.

Eine Technikwerkstatt für Kinder erfreut sich schon vor Eröffnung des Technikforums großer Beliebtheit. Über die VHS können hier Kurse belegt werden, der erste ist bereits gelaufen. Im Untergeschoss der Halle befinden sich für Besucher nicht zugängliche Lager und Werkstätten. Im Forum gibt es 200 Sitzplätze und eine aufwendige Multimediatechnik mit großer Videowand. Heimische Firmen wie d&b Audiotechnik oder Leurocom sind hier eingebunden.

Jürgen Beer vom Förderverein Technikmuseum, der in sieben Jahren rund 350000 Euro für das ehrgeizige Projekt eingeworben hat, erläutert dass im Technikforum künftig regelmäßig Veranstaltungen stattfinden sollen. Firmen könnten in diesem ganz besonderen Ambiente Tagungen und Schulungen abhalten, die Stadt kann Veranstaltungen anbieten, der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat Interesse. Auf jeden Fall „wollen wir Leben in die Bude kriegen“, kündigt der ehemalige Marconi-Chef Beer an.

Das Technikforum hält viele Entdeckungen bereit. Viele der Ausstellungsstücke sind funktionsfähig, so eine Dampfmaschine, eine sogenannte Trommelstoßmaschine aus der Gerberei, Webstühle oder alte Motoren. Und manches Exponat ist nicht weniger als ein herausragender Bestandteil der Zeitgeschichte. Zum Beispiel jenes Telefunken-Gerät, mit dem die Berichterstattung von den Nürnberger Prozessen direkt in die USA übertragen worden war.