„Das macht Lust auf mehr“

Bei den Schultheatertagen haben die Teilnehmer die Möglichkeit, sich zu präsentieren und auszuprobieren

Die zweiten Schultheatertage sind in vollem Gange. Die Theater-AGs sechs verschiedener Schulen versammeln sich im Bandhaus-Theater Backnang. 97 Schüler nehmen in diesem Jahr teil, um verschiedene Stücke aufzuführen, in Workshops mit erfahrenen Dozenten an ihren Fähigkeiten zu feilen und sich gegenseitig zu inspirieren.

Die Theater-AG des Tausgymnasiums führt im Rahmen der Schultheatertage Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ auf. Fotos: A. Becher

Von Nora Haselmayer

BACKNANG. Das Bandhaus-Theater ist voll besetzt. Auf den Zuschauerplätzen tuscheln die Schüler aufgeregt und rutschen unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Sie sind gekommen, um sich das Stück „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt anzusehen. Die Theater-AG des Tausgymnasiums steht schon in den Startlöchern und wartet auf ihren Auftritt. Seit 7 Uhr früh sind die Mitglieder vor Ort, um in ihre Kostüme zu schlüpfen, geschminkt zu werden und die Kulisse aufzubauen.

Doch bevor die Gruppe mit ihrer Aufführung beginnen kann, eröffnen die Leiterinnen des Bandhaus-Theaters die zweiten Schultheatertage offiziell. „Es gehört Mut dazu, sich auf die Bühne zu stellen“, lobt Juliane Putzmann die Schüler in ihrer kurzen Rede. Jasmin Meindl betont, wie stolz die beiden Veranstalterinnen auf die zahlreichen Teilnehmer sind. Die Schultheatertage werden unter anderen vom Förderverein Kulturzentrum Stiftshof unterstützt.

Ulrich Schielke, ehemaliger Rektor der Tausschule und Vorsitzender der Bürgerstiftung Backnang, bringt es auf den Punkt: „Was wäre eine Stadt ohne die vielen Theateraufführungen der Schulen? – Um einiges ärmer.“ Isabelle Stolzenburg überrascht das Publikum kurz vor der Aufführung noch mit einer Gesangsübung. Die dynamische Theaterpädagogin motiviert alle Anwesenden dazu, aufzustehen und im Kanon zu singen.

Nun kann es losgehen. Die Theater-AG des Tausgymnasiums gibt alles. Nicht nur Jugendliche unterschiedlichen Alters stehen auf der Bühne, sondern auch der stellvertretende Schulleiter Artur Ulmer als Kriminalinspektor Richard Voß. Mit eindrucksvollen schauspielerischen Leistungen und einem gezielten Einsatz von musikalischer Untermalung gelingt es ihnen, die skurrile Stimmung des Dürrenmattstückes einzufangen. Eingerahmt von weißen Leinwänden mit einem minimalen Einsatz von Requisiten wurde die Bühne zum Irrenhaus umgestaltet. Mit verschiedenen Elementen inszenierten die AG-Leiterinnen Cathrin Peter und Annette Mennenkamp das Stück abwechslungsreich. So rappen die Laienschauspieler beispielsweise Physikerzitate und filmen Szenen mit einer Videokamera, um diese gleichzeitig auf die Leinwand im Hintergrund zu projizieren. Nach eineinhalb Stunden gebannter Stille im Publikum werden die Gymnasiasten von ihren Zuschauern mit einem gebührenden Applaus belohnt. „Was für ein wunderbarer Auftakt zu diesen Theatertagen. Das macht Lust auf mehr“, sagt Isabelle Stolzenburg begeistert.

Die Theaterpädagogin leitet das anschließende Nachgespräch, bei dem Rückmeldungen aus dem Publikum erwünscht sind. Auf die Nachfrage eines Mädchens hin erzählen die leitenden Lehrerinnen, die AG habe seit Januar einmal in der Woche für die Aufführung geprobt. Isabelle Stolzenburg lobt den Einsatz der verschiedenen Mittel und die Schauspielkünste der Jugendlichen. „Alle Rollen waren sehr authentisch und gut gespielt“, findet auch eine Schülerin aus dem Publikum.

Als nächster Programmpunkt stehen verschiedene Workshops an, für die sich die Nachwuchsdarsteller in vier Gruppen aufteilen. Die Dozenten Günter Maurer, Christian Schidlowsky, André Uelner und Isabelle Stolzenburg vermitteln in ihren Kursen Wissenswertes zu technischen, dramaturgischen und schauspielerischen Vorgehensweisen des Theaters. Dabei wird nach dem Prinzip „learning by doing“ vorgegangen.

Isabelle Stolzenburg führt ihre Gruppe vom Bandtheater in einen Raum der Backnanger Volkshochschule. Dort will sie den Schülern die Grundlagen des biografischen Theaters nahebringen.

Doch zuerst sollen sich die Gruppenmitglieder kennenlernen und auflockern. „Bildet mal einen Kreis hier in der Mitte“, fordert die Schauspielerin die Workshopteilnehmer auf. Die Schüler treten unter ihrer Anleitung einer nach dem anderen in die Kreismitte. Von dort aus sollen sie drei Dinge über sich erzählen, wobei eine der Aussagen frei erfunden sein kann. Trotz der bereits vorhandenen Bühnenerfahrung merkt man einigen Teilnehmern ihre Nervosität an. Sich spontan zu präsentieren, ohne dabei in eine andere Rolle zu schlüpfen, stellt eine ganz neue Herausforderung dar. Verunsichert zupfen sie sich an der Kleidung und wissen nicht, wohin mit ihren Händen. Nach und nach gelingt es der Workshopleiterin, die Jugendlichen aufzulockern. „Wir wollen erst einmal gar nicht werten, ob etwas gut oder schlecht ist“, beruhigt sie die Nachwuchstalente. „Wir beschäftigen uns heute mit dem Thema Zukunft“, verkündet Isabelle Stolzenburg nach ein paar weiteren kurzen Einstiegsübungen.

Bei der darauffolgenden Aufgabe nennen die Schüler nacheinander ihre Assoziationen zum Begriff Zukunft, woraufhin diese dann von allen als Standbild dargestellt werden muss. Teilweise ist das gar nicht so einfach. Wie stellt man beispielsweise Überbevölkerung als Standbild dar? Ein Kursteilnehmer legt sich entschlossen auf den Boden und stellt sich tot. Der Junge neben ihm presst die Arme an den Körper und versucht sich so schmal wie möglich zu machen.

Als Nächstes zeigt Isabelle Stolzenburg den Schülern, wie sie ihre Bühnenpräsenz verbessern können. „Brustbein raus, Schultern zurück. Euer Ziel ist es, den Raum einzunehmen“, erklärt die Theaterpädagogin. Zu französischer Musik laufen die Jugendlichen durch den Raum und improvisieren Tanzeinlagen. „Ist es nicht fantastisch, dass Theater so leicht sein kann und trotzdem so toll?“, sagt die Dozentin enthusiastisch.

  Die dreitägigen Schultheatertage enden heute mit weiteren Aufführungen und Workshops.