Amazon die Stirn geboten

Heinrich Riethmüller von der Osianderschen Buchhandlung spricht über sein Erfolgskonzept

Heinrich Riethmüller bei den Backnanger Wirtschaftsgesprächen: Der Chef der Osianderschen Buchhandlung glaubt an die Zukunft des stationären Buchhandels.Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

 

BACKNANG. „Amazon hat mit einer beeindruckenden Leistung den Buchmarkt revolutioniert.“ Der Mann, der das sagt, hätte eigentlich allen Grund, schlecht über den amerikanischen Großkonzern zu sprechen. Schließlich ist Heinrich Riethmüller Buchhändler und Amazon einer seiner schärfsten Konkurrenten. Doch der Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung gehört nicht zu denen, die über die Konkurrenz im Internet schimpfen. Stattdessen schaut er, was die Amerikaner besser machen und was er von ihnen lernen kann.

„Vom Büchermachen und Bücherhandeln. Ein Markt im Umbruch“, lautete der Titel des Vortrags, den Riethmüller am Dienstagabend bei den 14. Backnanger Wirtschaftsgesprächen hielt. Die Prognosen für seine Branche seien vor einigen Jahren düster gewesen, berichtete Riethmüller, der auch Vorsteher beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist: „Uns wurde das gleiche Schicksal vorausgesagt wie der Musikbranche“, erzählte der 60-Jährige. Das Geschäft werde sich komplett ins Internet verlagern, der stationäre Buchhandel von der Bildfläche verschwinden. Das Gegenteil ist eingetreten: Osiander expandiert seit Jahren. Mittlerweile hat das Tübinger Familienunternehmen, das bereits 1596 gegründet wurde, mehr als 500 Mitarbeiter und betreibt 36 Buchhandlungen, darunter auch eine in Backnang.

Riethmüllers Erfolgsrezept: „Wir müssen das anbieten, was der Kunde wirklich will.“ Das Internet sieht er nicht als Bedrohung, sondern als Chance, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Schon seit 1996 betreibt Osiander einen eigenen Onlineshop. Immerhin 9 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen heute im Netz, wobei ein Drittel der Kunden die online bestellten Bücher im Laden abholt: „Das ist für uns eine Riesenchance“, sagte Riethmüller. Mittlerweile hat die Buchhandlung auch eine eigene App, mit der die Kunden beispielsweise checken können, ob die Backnanger Filiale das gewünschte Buch vorrätig hat.

Zum Service gehört bei Osiander übrigens auch, dass man Geschenkgutscheine der Konkurrenten einlöst – sogar die von Amazon. „Wir schicken dann halt ab und zu den Azubi zur Konkurrenz, um uns das Buch wieder zurückzuholen“, erzählte Riethmüller. Die Kunst sei es, digitale und stationäre Angebote perfekt miteinander zu vernetzen, sagte der Osiander-Chef. Er sieht den Buchhandel dabei auch als Vorbild für andere Händler. Warum etwa gebe es noch kein Schuhgeschäft, das die Schuhe, die in der passenden Größe gerade nicht vorrätig sind, dem Kunden am nächsten Tag kostenlos ins Haus liefert? Riethmüllers Fazit zu den digitalen Aktivitäten des Handels: „Mir geht das alles viel zu langsam.“

Weil der Preis wegen der Buchpreisbindung in seiner Branche keine Rolle spielt, seien andere Faktoren entscheidend, sagte der Osiander-Chef. Gerade wegen des riesigen und oft unübersichtlichen Angebots im Netz sei persönliche Beratung durch kompetente Mitarbeiter wieder gefragt. Auch da könne man übrigens von Amazon lernen. Der Online-Händler hat vor einem Jahr in Seattle selbst einen Laden eröffnet. Heinrich Riethmüllers Neffe war dort und hat festgestellt: Die Verkäufer sind viel weniger durch Nebentätigkeiten abgelenkt und konzentrieren sich voll auf den Kunden. Jetzt will auch Osiander seine Arbeitsabläufe überprüfen, damit die Verkäufer künftig mehr Zeit für ihre wichtigste Aufgabe haben: Bücher verkaufen.