Malender Denker und denkender Maler

Serie: 30 Jahre Backnanger Künstlergruppe (Schluss) Ernst Hövelborns Arbeit mit Bildern und Texten – Nichts bleibt dem Zufall überlassen

Wenn Ernst Hövelborn zeichnet oder malt, überlässt er nichts dem Zufall und der reinen Form. Seine Kunstwerke sind Ausdruck seiner Beobachtungen, Erfahrungen und der Beschäftigung mit Philosophie, Literatur, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hövelborn hat viel zu sagen – nicht nur in seinen legendären Einführungsreden bei Ausstellungseröffnungen anderer Künstler, sondern auch in seiner eigenen Kunst. Hier wie dort begegnen wir Persönlichkeiten wie Freud, Hegel, Kant, Heidegger, Adorno, Dante oder auch Franz von Assisi.

Seine Werke sind Ausdruck seiner Beobachtungen und Erfahrungen: Ernst Hövelborn vor seinem Bild „Portugal – Meeridylle“ (1996/97). Foto: P. Wolf

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Ein Bild, das Ernst Hövelborn als Kind gemalt hat, zeigt zum Beispiel Wehrmachtssoldaten inmitten einer landschaftlichen Idylle, auch die am Himmel lachende Sonne fehlt nicht. Das Kind war nicht abgelenkt von Fernsehen oder Zeitschriften, es war die Realität, die es da ohne zu werten abbildete. Und die Realität war in Hövelborns ersten Jahren Krieg und dann die Nachkriegszeit. Später erfuhr der Junge von Indianern und Cowboys, dann entdeckte er die Welt der Comics. Comics schenkten ihm die amerikanischen Soldaten, die in die väterliche Arztpraxis kamen. Erst viel später flossen Themen wie Pädagogik, Philosophie, die Natur und der Mensch oder auch die Mythologie und die ästhetische Imagination in seine Bilderwelten mit ein. Bild und Text wurden miteinander verbunden. Das Denken und Werk eines William Blake, eines Johann Heinrich Füssli oder eines Paul Klee inspirierten Hövelborn. „Ich mache immer erst theoretische Überlegungen, dann entstehen die Bilder“, sagt der Künstler.

Er richtete sich nie nach Moden, sondern nach dem, was aus ihm selbst herauskam. „Ich hatte kein Interesse, als Künstler zu reüssieren. Ich gehe meinen Gedanken nach“, erklärt Hövelborn.

Engagement ist nicht Arbeit, sondern sinnvolle Beschäftigung

Ernst Hövelborn scheint aus einem ungemein großen kreativen Potenzial zu schöpfen. Der malende Denker und der denkende Maler empfindet sein unermüdliches Engagement für die Kunst als Ausstellungsmacher in der Galerie des Heimat- und Kunstvereins, als Vernissageredner, in Fachvorträgen, Fachaufsätzen oder in seinem künstlerischen Werk nicht als Arbeit, sondern als sinnvolle Beschäftigung – Müßiggang ist seine Sache nicht. Auch in der Zeit, als Hövelborn am Max-Born-Gymnasium unterrichtete, machte er neben der ganzen Ehrenamtsarbeit, zum Beispiel als Vorsitzender des Heimat- und Kunstvereins, im Sport und auf schulischem Gebiet, mit unterschiedlichen künstlerischen Projekten von sich reden.

Da ist etwa der mit dem Weissacher Künstler Peter Haußmann gemeinsam erarbeitete Entwurf für Kunst am Bau in Freiburg Ende der 1980er-Jahre. In einem offenen Wettbewerb war die Gestaltung einer Fußgängerbrücke zum Landratsamtserweiterungsbau sowie einer Brunnenanlage ausgeschrieben.

Hövelborn und Haußmann landeten auf Platz 6 – 66 Teilnehmer hatte es gegeben. Auch ihr Entwurf stellt philosophisch-knitze Querverbindungen her, auf die man bei Hövelborn immer gefasst sein muss. Letztlich kamen dann doch einheimische Künstler zum Zug.

Auch wenn sich Hövelborn in einer Bildserie mit „Formen der Heimat“ und dem „Haus des Menschen“ auseinandersetzt wie bei einer Ausstellung 1990 mit Aquarellen und Siebdrucken im Naturfreundehaus Sechselberg, gibt es gesellschaftliche Bezüge und intellektuelle Erkenntnisschritte. Der Bauernhausidylle folgt die Tierfabrikhalle und dann die Besinnung. Fast möchte man sagen, Hövelborn hat da etwas vorgedacht, was jetzt bei den Menschen immer mehr Gewicht bekommt – die Einsicht, dass Raubbau an Mensch, Tier und Boden nur in die Verderbnis führt. In einem Text zur Ausstellung von damals heißt es: „Im erneuerten Haus finden sich Mensch, Tier, Natur und technische Produktion unter dem Gesetz des Herzens zusammen, dem fruchtbaren Einklang von Verstand und Gefühl in der schöpferischen Vernunft.“ Heimatbetrachtungen waren auch Gegenstand der Textbildpublikation „Augenblick“ aus dem Jahr 1994, in der Texte gleichberechtigt neben Farbtuschzeichnungen stehen. Im Jahr 2000 machte sich Hövelborn in seinen in der Galerie Kameralamt der Stadt Waiblingen gezeigten Ausstellung „Kreative Ethik“ oder auch „Nacht-Ethik“ mit Bildern und Objekten Gedanken zum Dasein des Menschen als Schlafender. Wobei der Begriff Ethik hier für „Aufenthalt“, „Ort“ und auch „Wohnen“ steht, wie im ursprünglichen Sinn des Wortes Ethos. Über „Nachtethik – die Nacht der Welt“ hält Hövelborn noch heute Vorträge.

Hövelborn ist einer, der nie stehen bleibt. Wie alles, was seine Person ausmacht – Wissen, Erfahrungen, Beobachtungen, Einflüsse, gesellschaftliche Entwicklungen – immer wieder ein Update bekommt, verändert sich auch seine Kunst und ist mithin stets im zeitlichen Zusammenhang der Entstehung zu sehen. Da ist das Studium des Strukturalismus, der exakten Ästhetik, der kritischen Theorie der Frankfurter Schule und der Tiefenpsychologie von Sigmund Freud. „Daraus entwickelten sich Bildserien zur Darstellung des Unbewussten, die den Bildrahmen erweiterten und die Aufarbeitung der Raum-Zeit-Forschung, des Futurismus und Kubismus erforderten. Im nächsten Schritt benötigten die aus der Dynamik der Tiefenschichten der Person strukturierten Bildräume eine inhaltliche und objektivierende Erweiterung durch die gesellschaftlichen Faktoren, in denen der Mensch als das handelnde und gestaltende Subjekt der Geschichte auftritt“, erklärt Hövelborn in einem Katalog selbst. Dies habe zu Bildserien geführt, die an die Phänomenologie des Geistes von Hegel angelehnt sind und den Versuch unternehmen, die dialektische Entwicklung des Geistes und der Geschichte in die Bildform eines „Begrifflichen Realismus“ zu bringen. Hövelborn weiter: „Die Bildsprache des Begrifflichen Realismus soll mit der Zeit zu einem Grad von Einfachheit und Flexibilität hin formalisiert werden, dass sie zum Aufbau begrifflicher Bildstrukturen im Sinne einer Ästhetisierung der Vernunft geeignet ist.“

Bilder, die den Betrachter

weiterbringen

Das hört sich zwar reichlich kompliziert an, doch wer in die Bildwelt Hövelborns eintaucht, wird immer etwas mitnehmen, was ihn weiterbringt im Verständnis von Kunst und der Welt – und sei dies auch nur unbewusst. Erinnert sei etwa an den Bilderzyklus, den der Künstler 1984 Franz von Assisi gewidmet hat, an die Serie von Bildern, in denen Hövelborn sich der Entwicklung des Kindes widmet – ausgestellt 2010 im Heimat- und Kunstverein – oder an die Bildtext-Tafeln, die vor noch nicht allzu langer Zeit in der Friedhofkapelle in Backnang zu sehen waren. In einem gemeinsamen Projekt mit seinem Sohn Clemens sowie den Künstlerkollegen Herbert Seybold und Ernst Keller leistete er damit Erinnerungsarbeit zum Thema Auschwitz. Gedenkkultur ist eines der neuesten Themen, mit denen sich Hövelborn beschäftigt.

Auch das macht Hövelborn aus: „Ich arbeite sehr konservativ, handwerklich“, geht der Künstler auf seine Malerei mit Temperafarben ein. Zahlreiche Lasuren braucht es, bis die meist großformatigen Bilder fertig sind. Bevor das Bild in Schichten aufgebaut wird, steht aber die Vorzeichnung. „Bei mir ist alles genau geplant und ausgedacht“, bekräftigt Hövelborn. Die Temperafarben stellt Hövelborn bei sich im Keller selbst her. „Des isch a Gschäft, die meisten haben keine Ahnung mehr davon“, kommentiert er. Doch ohne „Gschäft“ kann der Freigeist Hövelborn auch gar nicht sein.