Ausgangspunkt ist ein tragischer Kindstod

Kirchenkirnberger Autorin Sylvia Bäßler legt dritten Roman vor – Er erzählt vom Umgang der Einheimischen mit Wanderarbeitern

Vor 105 Jahren begann der Bau der Straße von Murrhardt nach Grab. In dieser von Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit geprägten Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg spielt eine sehr lebendig, anschaulich und detailreich geschriebene heimatgeschichtliche Erzählung.

Autorin Sylvia Bäßler hat für ihren neuen Roman „Welschensommer“ intensiv recherchiert – in Archiven, in Norditalien sowie über Gespräche mit Nachfahren von Wanderarbeitern und historisch kundigen Murrhardtern und Grabern. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT/GROSSERLACH. Zwei zeitlos aktuelle Themen durchziehen wie rote Fäden den neuen, mit schwäbischer Mundart gewürzten Roman „Welschensommer“ der Autorin Sylvia Bäßler: der Ausbau der Infrastruktur im ländlichen Raum und der Umgang der Einheimischen mit Fremden und Migranten. „Mein Buch soll die Leser dazu anregen, über ihr eigenes Reden und Schweigen, Handeln und Unterlassen nachzudenken“, betont die Kirchenkirnbergerin. „Sie sollen auch in alte Zeiten zurückversetzt und dazu ermutigt werden, sich darüber auszutauschen. Wenn dies generationsübergreifend gelingt, ist das Ziel meines Buches erreicht.“

Zu ihrem dritten Roman habe sie der Song „Wiagalied“ von Wendrsonn inspiriert, erzählt die Autorin. „Vor wenigen Jahren, als die bekannte Mundartband ein Konzert in der Murrhardter Festhalle gab, habe ich zum allerersten Mal dieses Lied vom Welschenkind gehört, das mich zu Tränen rührte. So wurde ich auf diese tragische Geschichte aufmerksam und wusste gleich: Darüber möchte ich mein nächstes Buch schreiben.“ Daraufhin habe sie ihre heimatkundlich vielseitig engagierte Freundin Michaela Köhler aus Großerlach kontaktiert.

Roman ist auch eine Hommage an

den Graber Autor Josef Holub

Diese habe ihr die Erzählung vom Welschenkind aus der Feder des ehemaligen Großerlacher Ehrenbürgers Josef Holub zukommen lassen. Er schrieb sie nach einer alten mündlichen Graber Überlieferung. Sie berichtet, dass die kleine Tochter eines italienischen Wanderarbeiters, der beim Straßenbau mit anpackte, beim Baden in einem Teich ertrank und auf dem Graber Friedhof ihre letzte Ruhestätte fand. Darum möchte Sylvia Bäßler ihren Roman auch als Hommage an den renommierten Graber Autor verstanden wissen.

Michaela Köhler überließ der Autorin auch umfangreiches Material zur Geschichte von Grab und vermittelte ihr den Kontakt zu den Schwestern Eva Regner-Braun und Adelheid Fritz. Unter deren Vorfahren war einer der italienischen Wanderarbeiter, die in der Region beim Eisenbahn- und Straßenbau eine wichtige Rolle spielten und „Welsche“ genannt wurden. „Dies war für mich der ausschlaggebende Punkt, nicht nur vom Welschenkind zu erzählen, sondern auch noch andere spannende historische Begebenheiten damit zu verknüpfen“, erläutert Sylvia Bäßler.

„Als mir klar war, dass die Straßenbauarbeiten 1912 begannen, wollte ich auch die Geschichte der Villa Franck einfließen lassen, die mich schon immer fasziniert hat.“ Damals Villa Hohenstein genannt, nutzte sie die Familie des Ludwigsburger Fabrikanten Robert Franck als Sommerresidenz. Darum unternahm die Autorin eine inspirierende, aufschlussreiche Führung durch Gebäude und Park mit dem heutigen Hausherrn Patrick Siben. Zudem ging sie in Ludwigsburg auf industriehistorische Spurensuche nach der einst weltweit tätigen Kaffeeersatzfabrik Heinrich Franck und Söhne.

Dies bot Sylvia Bäßler auch die Möglichkeit, den starken Kontrast zwischen dem luxuriösen Leben des Großbürgertums und den in einfachen Verhältnissen lebenden Bewohnern kleiner Orte im Schwäbischen Wald facettenreich herauszuarbeiten. Vor etwa zwei Jahren habe sie mit ihren Recherchen begonnen, indem sie sich von vielen historisch kundigen Einwohnern von Murrhardt und Grab aus den alten Zeiten erzählen ließ, berichtet die Autorin. „Eine wichtige Rolle spielten ganz alltägliche Details, wie landwirtschaftliche und handwerkliche Arbeiten, typische Speisen, deren Zubereitung und Vorratshaltung.“

So habe sie fasziniert und gespannt beobachtet, wie die Graber Landfrauen Brot und Salzkuchen nach alter Tradition im Backhäusle zubereiten. Weiter gibt sie Einblicke in das Alltagsleben der Kinder zwischen Schule und Mitarbeit auf dem elterlichen Hof: „Damals dienten die Schulferien dazu, dass die Kinder bei der Ernte tatkräftig mit anpacken konnten.“ Für ihr drittes Buch hat Sylvia Bäßler erstmals direkt in den Archiven von Murrhardt und Grab recherchiert und auch fleißig in alten Bänden der „Murrhardter Zeitung“ und des „Murrthalboten“, Vorläufer der Backnanger Kreiszeitung, geschmökert.

„Daraus konnte ich eine Vielzahl von Informationen ziehen über die damalige weltpolitische Situation, aber auch Reklame für zeittypische Produkte, das Wetter und lokal bedeutende Ereignisse“, verdeutlicht Sylvia Bäßler, weshalb auch einige Zeitungsartikel und -anzeigen ihr Buch illustrieren. Im Frühjahr nutzte sie ein verlängertes Wochenende im Friaul dazu, um detaillierte Informationen über die Traditionen und das Leben der Bewohner dieser norditalienischen Bergregion einzuholen.

„Viele Männer gingen von der Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig als Wanderarbeiter über den Sommer nach Deutschland“, fand die Autorin heraus. Die herrliche Landschaft und Flora der Alpen hat sie ebenso begeistert wie die Murrhardter Malerin Annemarie Meindl. „Im Rahmen des Jubiläums 50 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Château-Gontier und Murrhardt lernte ich sie und ihre bezaubernden, botanisch detailgenauen Blumenporträts kennen, die mich sofort begeisterten. Dies brachte mich auf die Idee, einige dieser Aquarelle als Illustrationen für meinen Roman zu verwenden, und ich bin der Malerin sehr dankbar, dass sie mir diese zur Verfügung gestellt hat“, freut sich Sylvia Bäßler.

Sylvia Bäßler: Welschensommer. Roman, 264 Seiten, zahlreiche Abbildungen. ISBN: 9783746048116. Books on Demand, Norderstedt 2017. Als Softcover (14,80 Euro) und E-Book (7,99 Euro) erhältlich.