Einfach, direkt und mitreißend

Kammerchor Stuttgart singt unter der Leitung von Frieder Bernius im Bürgerhaus – Auftaktkonzert zum Jubiläumsjahr

Wahlbacknanger Frieder Bernius startete das Jubiläumsjahr des Kammerchors im Backnanger Bürgerhaus. Er gründete den Chor vor 50 Jahren. Foto: A. Becher

Von Miklós Vajna

BACKNANG. Der Kammerchor Stuttgart, vor 50 Jahren ins Leben gerufen, gab mit seinem Dirigenten und Gründer Frieder Bernius das Auftaktkonzert zum Jubiläumsjahr im gut besuchten Walter-Baumgärtner-Saal im Backnanger Bürgerhaus. Im breiten Halbkreis stehend, die Damen in Rot-Schwarz, die Herren in Frack mit weißer Fliege, stellte der Chor, wie schon in den vergangenen Auftritten in Backnang, seine überragende Qualität unter Beweis: reich an ausdrucksstarken Klangfarben, in den Stimmgruppen äußerst homogen, im Gesamteindruck klar durchhörbar, obertonreich im Piano, elegant im Forte. Die tadellose Intonation ist selbstverständlich, kristallklare Höhen werden mit Leichtigkeit erreicht.

Die Einführung zum Konzert hielt Albrecht Dürr, Dramaturg der Stuttgarter Philharmoniker, und so wie Frieder Bernius ein Wahlbacknanger. Er beleuchtete ausführlich die historischen und familiären Hintergründe der Komponisten, wies auf das Thema Natur hin, das allen Werken des Abends gemeinsam ist, und zeigte die Entstehung der „ Liedertafel“ als gesellige Verbindung von künstlerischen Vorträgen und einem leichten Abendessen auf, wie sie heute noch häufig bei Männerchören als gute Tradition gepflegt wird.

Viel Gefühl trotz

moderner Tonsprache

Eine Besonderheit im Programm, mit zwei Uraufführungen, waren Transkriptionen von Clytus Gottwald. Sololieder und ein Klavierstück von Claude Debussy wurden für den Chor adaptiert. Die Übertragung dieser eigentlich vom Klavier her konzipierten Werke in den Chorklang ist problematisch, da die musikalische Aussage, die mit der Neutralität des Klavierklangs arbeitet, durch die Vielfarbigkeit der Chorstimmen nur noch schwer zu erkennen ist. Am meisten wurde diese Problematik deutlich bei „Des pas sur la neige“ aus dem ersten Buch der Préludes. Das imaginierte Bild von Spuren im Schnee, trostlos im grafischen Grau-Weiß, wird zur bewegten Farbdarstellung einer völlig anderen Situation, die insofern der musikalischen Intention widerspricht.

Bleibenden Eindruck hinterließen die ersten Werke nach der Pause. Die vier Stücke Eriks Esenvalds’ beschäftigen sich mit nächtlichen Lichterscheinungen: Neumond, Sterne und Nordlichter. Die Texte sind Gedichte und Kombinationen mit Notizen der beiden Polarforscher Charles Francis Hall und Fridtjof Nansen. Die Umsetzung des zeitgenössischen lettischen Komponisten Esenvalds geschieht unter anderem als Oratorium mit rezitativischen Teilen und geballten, aufwühlenden Choreinsätzen, Metallofon, Maultrommel und klingenden Gläsern – die Sängerinnen mit Sekt-, die Männer mit Weingläsern, werden klangerweiternd eingesetzt. Trotz der relativ modernen Tonsprache ist der gefühlsmäßige Zugang einfach, direkt und überwältigend, und das Backnanger Publikum ließ sich sehr gerne mitnehmen in die nordische, farbige, zu Herzen gehende Klangwelt. Es gab großen Beifall und begeisterte Rufe.

Als erholsamen Kontrast zu dieser hoch aufgeladen Gefühlswelt gab es danach schlichte, schöne und ergreifende Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy und seiner Schwester Fanny Hensel. Mit einem Nachtlied als Zugabe beendeten der Kammerchor und Frieder Bernius das Konzert. Der Schlussapplaus war kräftig und lang anhaltend.