„Ein unerträglicher Spagat“

Das Interview: Für Dekan Wilfried Braun ist das Thema einer öffentlichen Segnung homosexueller Paare noch nicht vom Tisch

Die Mehrheit der evangelischen Landessynode hat sich für eine öffentliche Segnung homosexueller Paare ausgesprochen. Um ein Kirchengesetz zu ändern, sind jedoch zwei Drittel der Stimmen erforderlich. Diese Marke wurde verfehlt. Nun regt sich Widerstand innerhalb der Landeskirche. Dekan Wilfried Braun äußert dafür Verständnis.

Eine Segnung im öffentlichen Rahmen ist für homosexuelle Paare derzeit nicht möglich. Foto: fotolia.de/Cody

Von Lorena Greppo

Die Landessynode hat entschieden, gleichgeschlechtliche Paare nicht öffentlich zu segnen. Hat diese Entscheidung Sie überrascht?

Ja. Ich bin davon ausgegangen und hatte gehofft, dass es für den Kompromissvorschlag zu der erforderlichen Zweidrittelmehrheit reichen würde. Man darf auch aber nicht übersehen, dass nur zwei Stimmen gefehlt haben und sich mehr als 60 Prozent der Synodalen für die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ausgesprochen haben.

Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass es nicht so gekommen ist?

Ich glaube, es sind zwei Faktoren, die man diesbezüglich näher betrachten muss. Das eine ist die Bindung an die Bibel, so wie sie manche Synodale verstehen. Sie sagen: „Da gibt es dieses und jenes ausdrückliche Bibelwort.“ Dabei übersehen sie aber, dass es deutliche Worte Jesu und auch von Paulus gibt, die besagen: In einer neuen Situation ist es möglich und nötig, unter der Wirkung des Heiligen Geistes und natürlich auf Grundlage der Bibel, auch ein neues Wort zu sagen. Wir werden uns künftig noch intensiver damit befassen müssen, wie wir die Bibel verstehen. Das andere ist die Frage der Ordnung in den Gemeinden und des respektvollen Umgangs miteinander. Der Entwurf sah für die Kirchengemeinderäte das Erfordernis einer Dreiviertelmehrheit vor, um die örtliche Gottesdienstordnung zu ändern. Wenn aber nur 70 Prozent dafür wären, so die Überlegung mancher Synodaler, könnte auf die anderen 30 Prozent starker Druck zukommen. Davor wollten sie die Gemeinden bewahren. Jetzt werden wir darüber reden müssen, wie diese beiden Argumentationsstränge mit dem Bestreben vereinbar sind, dass wir das Gebot der Liebe und Akzeptanz, das wir von Jesus haben, auch deutlich erkennbar machen. Wenn Menschen zu uns kommen und um Gottes Segen bitten, dann können wir ihnen diesen eigentlich nicht verweigern.

Haben Sie aus den örtlichen Gemeinden Reaktionen zur Entscheidung der Landessynode erhalten?

Aus den Gemeinden unseres Kirchenbezirks kam bisher wenig Direktes. Es gab natürlich auch Briefe und Mails, die mich als Synodalen erreichten. Die kamen aber eher aus anderen Teilen meines Wahlbezirks.

Welche Aufgabe kommt den Kirchenvertretern nun im Umgang mit homosexuellen Paaren zu? Wie erklärt man ihnen diese Entscheidung?

Zunächst wird man sagen müssen: Es gibt seit 2001 in unserer Landeskirche die Möglichkeit, homosexuelle Paare in der Seelsorge zu segnen . Das wird immer wieder vergessen. Für mich ist es ein Spagat, der unerträglich ist, zu sagen: Im kleinen Rahmen können wir das machen, aber öffentlich nicht. Es ist aus meiner Sicht ja gerade das Markenzeichen der Evangelischen, die Freiheit zu haben, was im kleinen Rahmen möglich ist, auch öffentlich vollziehen zu können. Man wird das also deutlich sagen müssen, dass eine große Mehrheit in der Evangelischen Landeskirche in dieser Frage eine offene Einstellung hat. Vergessen werden darf außerdem nicht, dass auch diejenigen, die ihre Zustimmung in der Synode verweigert haben, betonen, dass es keinerlei diskriminierende Handlungen gegen homosexuellen Menschen in der Kirche geben darf. Es ist im Grunde ein breiter Konsens: Restriktionen aus der Vergangenheit wollen wir auf keinen Fall zurückhaben. Konkret bedeutet das, dass man homosexuelle Paaren sagt: Nach gegenwärtiger Kirchenrechtslage ist eine öffentliche Segnung zwar nicht möglich, aber was möglich ist, das wollen wir auch tun. Man wird also aktiv den Segen in der Seelsorge anbieten. Auch wenn ein starkes Unbehagen bleibt, dass das momentan – und ich sage bewusst momentan – noch nicht öffentlich möglich ist. Ich erwarte aber, dass sich da in absehbarer Zeit noch etwas tut.

Bedenken wurden geäußert, dass die Landeskirche, die um Fachkräfte ringt, damit potenzielle Mitarbeiter, aber auch Mitglieder verschreckt. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Dass es für manche Leute ein Dämpfer in der Motivation und der Identifikation mit der Landeskirche war, das ist deutlich zu spüren. Das kam auch in manchen Briefen zum Ausdruck. Dass der eine oder die andere sagt, ich gehe jetzt nicht mehr mit dem Elan zu Werke, mit dem ich vorher dabei war, ist auch klar. Aber ich glaube, dass das kein ganz breites Phänomen sein wird. Im Gros kennen die Württemberger ihre landeskirchliche Situation und wissen, dass sich da manches unter Umständen langsam bewegt. Langsamer, als man sich das manchmal wünscht.

Manchen geht es aber nun nicht schnell genug. Zahlreiche Pfarrer und Dekane haben angekündigt, gleichgeschlechtliche Paare trotzdem öffentlich segnen zu wollen. Welche Konsequenzen hat das für die Kirche?

Da müssen wir differenzieren, denn es gibt zweierlei Initiativen. Das eine ist sozusagen eine Basisinitiative der Pfarrer. Sie sagen: Ich wäre bereit, ein homosexuelles Paar öffentlich zu segnen, auch wenn das die kirchliche Ordnung nicht hergibt. Das ist etwas anderes als das, was die Dekane angestoßen haben. Wir weisen darauf hin, dass der momentane Zustand impraktikabel und unhaltbar ist. Wir sagen nicht: Wenn jemand das will, dann tun wir es einfach, sondern: Lasst uns die Rechtslage oder die liturgischen Vorgaben ändern. Von den Dekanen erging die Bitte an den Landesbischof und die Präsidentin der Landessynode, zu sehen, ob es nicht die Möglichkeit gibt, neben der gesetzlichen Ebene einen liturgischen Vollzug zu ermöglichen. Das eine ist also die prophetische Signalsetzung von Pfarrern, die ihrem Gewissen folgen wollen, und das andere ist der Hinweis darauf, dass sich die Landeskirche neu besinnen muss.

Wenn jetzt aber die Pfarrer tatsächlich ihren Worten Taten folgen lassen, wie sähe die Reaktion der Kirche aus?

Genau das ist die große Frage, auf die wir Dekane auch hingewiesen haben. Es gibt ein kirchengesetzliches Instrumentarium, aber das müsste man ja auch aktiv betreiben. Sie haben diesen Gewissenskonflikt dann im Grunde durch die Ebenen. Ich hoffe, dass wir dem noch mit einer Neubesinnung zuvorkommen können. Denn wenn sich ein Pfarrer gegen die kirchliche Rechtslage entscheidet, dann geht es auf die nächste Ebene und landet bei mir als Dekan. Dann habe ich das gleiche Problem. Und von mir aus geht es dann zum Oberkirchenrat und so weiter. Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass 80 Prozent der Dekane sagen: Unser Gewissen würde uns in einem solchen Fall auch in große Probleme bringen, und der Oberkirchenrat das ähnlich sieht, dann können Sie sich denken, dass es ein schwieriger Gang durch die Ebenen wäre. Ich kann nur sagen: Wir sollten einerseits sehr deutlich machen, dass Gottes Segen kein Verfügungsinstrument von uns Menschen ist. Im Gegenteil: Wir sind froh und dankbar über jeden, der um Gottes Segen bittet. Auf der anderen Seite sollten wir schauen, dass wir kirchliche Ordnungen und liturgische Vollzüge dieser Grunderkenntnis entsprechend gestalten.

Wie kann so eine Lösung gefunden werden? Schließlich hat die Herbstsynode ja eine Entscheidung gefällt, an der erst einmal nicht viel zu machen ist.

Die Frage der Segnung homosexueller Paare ist eine ganz wichtige, aber es ist nicht die einzig drängende Frage. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alle unsere Kräfte an nur einer Stelle binden und an anderer Stelle unsere Augen verschließen und dem Welthunger, dem Krieg und Flüchtlingselend nicht entschlossen genug entgegentreten. Denn dann würden wir uns an der Stelle deutlich schuldig machen. Aber diese Entscheidung der Nichtentscheidung war ja in der Herbstsynode, die Frühjahrssynode Anfang März steht bevor. Ich gehe davon aus, dass – wenn auch nicht auf der Tagesordnung, aber beispielsweise in den Pausen – es da und dort zu weiteren Gesprächen kommen wird. Ich sehe auch Signale, dass wir in der Synode weiter darüber nachdenken und nicht einfach stehen bleiben, auch wenn nicht absehbar ist, dass in ein paar Wochen oder Monaten eine neue Entscheidung fällt. Dass die Sache nicht vom Tisch ist, dürfte vielen bewusst sein.