„Da hat man noch eine Riesenaufgabe“

Gerald Balthasar, Chef der Abfallwirtschaft Rems-Murr, sieht in Sachen Plastikmüllverwertung den Gesetzgeber in der Pflicht

„Man muss für das Recycling geeignete Materialeigenschaften bei der Herstellung von neuen Verpackungen verbindlich festlegen“: AWRM-Chef Gerald Balthasar. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Zum Jahreswechsel hat China den Import von Plastikmüll gestoppt: Die Volksrepublik will die Kunststoffe aus Deutschland nicht mehr. Das wirft Fragen auf. Welchen Umgang mit Müll pflegen wir eigentlich? Gerald Balthasar, Vorstandsvorsitzender der Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM, früher AWG), gibt Antworten.

China nimmt keinen Plastikmüll aus Deutschland mehr an. Hat die AWRM jetzt ein Problem?

Beim Thema Plastikmüll denkt man automatisch an uns. Für Leichtverpackungen (LVP) sind wir aber rechtlich nicht zuständig, sondern die dualen Systeme in Deutschland. Das hat der Gesetzgeber so geregelt. Im Rems-Murr-Kreis ist vom dualen System die Firma Remondis Süd GmbH mit der Sammlung von Leichtverpackungen in der gelben Tonne beauftragt. Der Vertrag läuft noch bis Ende 2018. Was danach kommt, darüber haben wir momentan keine Erkenntnisse. Wir haben also akut kein Problem, sind aber mit dem Thema verbunden.

Wo kommt der Plastikmüll her, der bisher nach China verfrachtet wurde?

Das ist unterschiedlich. Einerseits stammen bestimmte Plastikabfälle direkt als Reste aus dem Gewerbe. Andererseits wird bei der Sammlung von Leichtverpackungen zum Beispiel in der gelben Tonne viel zusammengeworfen, und es gibt auch viele Verbundstoffe und Verpackungskombinationen. Da ist die Frage: Wie kann man diese Stoffe sinnigerweise verwerten?

Wie bringt man die Stoffe unter diesen Umständen überhaupt noch zusammen, die man verwerten kann?

Früher wurde alles zum größten Teil von Hand sortiert. Inzwischen geschieht dies automatisiert mithilfe von technischen Sensoren und Kameras. Nahinfrarottechnik wird eingesetzt, einzelne Luftstöße separieren unterschiedliche Teile auch nach Form und Farbe. Am Ende gibt es trotzdem noch gewisse Sortierreste aus den unterschiedlichsten Materialien. Sie gehen zum Teil in die thermische Verwertung oder werden beziehungsweise wurden nach China exportiert. Die genauen Mengen sind schwer zu ermitteln. Der Anteil aus der Leichtverpackungssammlung ist, bezogen auf die gesamten Exportmengen, eher niedrig. Insgesamt waren es bei uns im Kreis 2016 rund 14600 Tonnen an Leichtverpackungsmengen, die durch die dualen Systeme über deren gelben Tonnen eingesammelt wurden. Das heißt: rund 34 Kilogramm je Einwohner und Jahr.

Kann die AWRM die Entsorgungswege kontrollieren oder zumindest überblicken?

Nein, das können wir nicht. Dazu haben wir auch keine rechtliche Befugnis. Wir leisten für die dualen Systeme nur Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel bei der Veröffentlichung von Leerungsterminen und der Beratung unserer Bürgerinnen und Bürger. Über den Verbleib der Mengen und deren konkreten weiteren Wege haben wir keine Kenntnis.

Wir haben bislang keine Wertstofftonne für Kunststoffabfälle wie altes Kinderspielzeug oder ausgebrauchte Eimer. Wäre ihre Einführung ein Weg, um unerwünschten Müllexport zu unterbinden?

Der Begriff Wertstofftonne an sich ist schon schwierig: Der Wert ist vom Markt abhängig. Der Ölpreis ist zurzeit relativ niedrig, und Plastik wird aus Erdöl gemacht. Es gibt aber viele verschiedene Formen und Materialeigenschaften, die optisch häufig nicht zu unterscheiden sind. Bei Gemischen ist die Verwertung ganz schwierig. Es klappt gut, wenn Stoffe sortenrein vorliegen. Ein Beispiel wären die grünen Flaschen eines Herstellers für Reinigungsmittel. Hat man diese sortenrein, kann man neue daraus herstellen. Aber da hat man noch eine Riesenaufgabe. Man muss sicherlich an verschiedenen Punkten ansetzen und beispielsweise auch für das Recycling geeignete Materialeigenschaften bei der Herstellung von neuen Verpackungen verbindlich festlegen. Ein weiterer Punkt sind die finanziellen Auswirkungen. Die mögliche Einführung einer Wertstofftonne ist mit erheblichen zusätzlichen Kosten verbunden.

Was empfehlen Sie, um die Flut an Plastikmüll einzudämmen?

Eine Möglichkeit ist, das Einkaufsverhalten zu ändern. Der Verbraucher hat es in der Hand. Wieso müssen Gurken in Folie eingeschrumpft sein? Kaffee to go in Einwegbechern? Der Handel sieht Vorteile, die Konsumenten mögen es bequem. Da sind wir dann bei der Frage: Was war zuerst – die Henne oder das Ei? Das ganze Thema müsste man von Grund auf neu überlegen. Und der Gesetzgeber muss ran: Verpackungen müssten so gemacht sein, dass sie nach Gebrauch stofflich wieder verwertbar sind. Als AWRM können wir aber nur das tun, wozu wir vor Ort in der Lage sind. Wir machen Abfallberatung, geben an unsere Bürgerinnen und Bürger Informationen und gehen in die Grundschulen zur Sensibilisierung unserer Kinder – dann sind unsere Möglichkeiten aber erschöpft, denn auf den Herstellungsprozess und die Verwendung von Verpackungen können wir ohne den erforderlichen rechtlichen Hintergrund keinen Einfluss nehmen.