„Ich bin dann mal offline“

Aktion Fastenstaffel: Redakteurin Bianca Walf hat dem Internet abgeschworen – zumindest fast

Sieben Tage ohne WhatsApp, Facebook, Instagram und Google – das muss doch zu schaffen sein, dachte sich unsere Redakteurin Bianca Walf noch zu Beginn unserer Fastenstaffel. Jetzt weiß sie, ganz so einfach ist es heutzutage nicht, dem Netz zu entsagen.

Lesen statt streamen, anrufen statt chatten: Eigentlich sollte unsere Redakteurin Bianca Walf während ihrer Woche der BKZ-Fastenstaffel ja komplett offline bleiben – so ganz konnte sie aber trotzdem nicht die Finger von ihrem geliebten Smartphone lassen. Foto: A. Becher

Von Bianca Walf

BACKNANG. Mein Name ist Bianca Walf und ich bin internetsüchtig. Statt der berühmten zwölf Schritte aus der Sucht hatte ich mir erst mal sieben analoge Tage vorgenommen und bin kläglich gescheitert. Zwar hänge ich weder stundenlang vor Online-Games fest, noch vernachlässige ich für traute Stunden am Smartphone meine sozialen Kontakte oder gar meine Körperhygiene – wie echte Internetjunkies das per Definition (aus dem Internet) so machen, aber eine Woche lang komplett offline bleiben, das habe ich trotzdem nicht geschafft.

Wie so oft in der Geschichte der Menschheit, war der Weg zur (Online-) Hölle auch in meinem Fall gepflastert mit guten Absichten: „Ich bin dann mal offline“, habe ich zu Beginn meiner Etappe der BKZ-Fastenstaffel großspurig verkündet, mich bei Facebook, Instagram und Netflix abgemeldet und für genau drei Stunden bedenkenlos den Flugmodus am Smartphone aktiviert. Dann tauchte die erste Hürde auf: Das Festnetztelefon klingelte. Es klingelt sonst nie. Am anderen Ende war meine besorgte Mutter. „Du hast seit drei Stunden nicht auf meine WhatsApp-Nachricht geantwortet. Alles in Ordnung bei dir?“

Entzugserscheinungen

schlagen hart zu

Zwar war Mama schnell versöhnt, nachdem ich ihr den Grund für meinen Internetverzicht erläutert hatte, in meinem Unterbewusstsein jedoch meldete sich erstmals die beharrliche Stimme der Sucht. Wer hatte mir in den vergangenen drei Stunden noch geschrieben? Hatte ich eventuell eine brandheiße Neuigkeit verpasst? Was, wenn in einem Postfach eine superwichtige E-Mail auf mich wartete – sagen wir vom Finanzamt, von der Lottogesellschaft oder vom Bundesverteidigungsministerium? Auf einmal schien mir all das gar nicht so unwahrscheinlich. Realitätsverlust ist schließlich ein ganz typisches Anzeichen für eine Sucht.

Ebenfalls typisch: Stimmungsschwankungen, zeitweilig auch Aggression. „Wessen saudämliche Idee war das eigentlich mit der Fastenstaffel?“, überlegte ich mir zähneknirschend, während Engelchen und Teufelchen sich in meinem Hinterkopf eine handfeste Prügelei lieferten. Bis mir die entscheidende Redaktionskonferenz wieder einfiel und ich leider einräumen musste: Ach ja, es war meine eigene.

Ganz Junkie hasste ich mich ein wenig – einerseits dafür, dass ich nie mein vorlautes Mundwerk halten kann und andererseits dafür, dass ich meine Selbstdisziplin bereits nach wenigen Stunden Online-Abstinenz dahinschmelzen sah: Gegen 18 Uhr deaktivierte ich den Flugmodus: „Nur mal ganz kurz gucken“, dachte ich mir. „Vielleicht ist da ja gar keine Nachricht.“ Und: „Wenn ich die Nachricht nicht lese, ist es auch nicht geschummelt.“

Der Anblick der leuchtend roten Zahl sieben, die über dem WhatsApp-Logo prangte, wurde zur Verlockung biblischen Ausmaßes: Der digitale Apfel vom Baum der Erkenntnis. Und ja, auch ich habe zugelangt. Zwar waren alle sieben Nachrichten von zutiefst banalem Inhalt, dennoch beschloss ich, mir nach dem digitalen Sündenfall selbst zu vergeben und mein Fastenprojekt die restlichen sechs Tage über weniger biblisch anzugehen. In anderen Kulturen wird schließlich auch nur bis Sonnenuntergang gefastet. Das schien mir ein guter Kompromiss zu sein.

Digitaldiät: Sündenfrei

bis Sonnenuntergang

Tagsüber blieb ich konsequent offline. Nach Jahren habe ich sogar mal wieder mit der Hand am Arm einen Überweisungsträger bei der Bank ausgefüllt. Es stellte sich heraus, dass das deutlich entspannter ist, als beim Online-Banking jedes Mal leicht nervös das ganze Haus nach dem Tan-Generator abzusuchen. Auch unterwegs streng analog im Autoatlas zu blättern, anstatt gleich Google Maps anzuschmeißen, hat seinen Zweck durchaus erfüllt. Abends vor dem Schlafengehen gönnte ich mir als Auszeit von den Strapazen der analogen Welt einen kurzen Kontrollblick in mein E-Mail-Postfach und meine WhatsApp-Nachrichten.

Auf digitalen Luxus wie Facebook, Instagram und Netflix habe ich komplett verzichtet und festgestellt: Nicht mehrmals täglich an der klebrigen Bilderflut hängen zu bleiben, tut gut. Auch seine Nachrichten nur noch einmal am Tag, statt mehrmals pro Stunde zu checken, kann eine Erleichterung sein. Auf einmal ist da viel mehr Zeit, um gemütlich zu frühstücken oder um abends im Bett ein Buch zu lesen. Die ständige Ablenkung, die fordernde Push-Nachrichten auf dem Smartphone-Display mit sich bringen, fallen weg. Nach sieben Tagen fasten bin ich trotzdem froh, wieder hemmungslos chatten, liken und teilen zu können. Besserung geloben will ich an dieser Stelle nicht. Vielleicht hätte es dafür doch zwölf Schritte gebraucht.

  Bei der Aktion Fastenstaffel verzichtet sechs Wochen lang jeweils eine Redakteurin oder ein Redakteur für eine Woche auf etwas, das bisher unverzichtbar schien. Nächste Woche berichtet Armin Fechter darüber, wie er ohne Auto klargekommen ist.