„Es gibt ordentlich viele Noten zu spielen“

Interview: David Garrett spricht über seine Cross-over-Open-Air-Tour und seine Zusammenarbeit mit Stars der Klassikszene

Am 14. Juni macht David Garrett auf seiner Cross-over-Tournee „Music“ in Aspach Station. Sein gleichnamiges Album bekam jüngst Platin für 250000 verkaufte Exemplare. Mit dem Geiger sprach BKZ-Mitarbeiter Thomas Roth über dessen künstlerisches Wirken und die Veranstaltung, bei der die Backnanger Kreiszeitung Medienpartner ist.

Präsentiert bei den Open Airs im Mai und Juni auch viele neue Stücke: David Garrett.

Auf was dürfen sich die 15000 Leute in der Comtech-Arena in Großaspach freuen?

Oh, da gibt’s viel zu erzählen, und ich fange einfach mal mit dem Wesentlichen an: tolle Musiker, eine tolle Band, großartiges Orchester – und vor allem 50 Prozent brandneues Programm. Ich hab’s mir nicht nehmen lassen, über die letzten paar Monate auch wieder an neuen Stücken zu arbeiten. Das wird eine tolle Mischung aus 15 bis 16 neuen Titeln, die bis jetzt noch keiner gehört hat. Die werden gemischt mit 8 bis 9 Stücken aus dem Album „Music“ und 3 bis 4 meiner All-Time-Favourites.

Im Prinzip ein neues Cross-over-Programm?

Richtig. Obwohl es kein neues Cross-over-Album dieses Jahr gibt, hab ich gedacht, ich biete die neuen Stücke trotzdem auf der Tour mal an.

Was reizt Sie an Cross-over?

Die Vielfalt und vor allem das Ausleben mit dem Instrument in Musikrichtungen, in Musikstile, von denen ich vorher selber nicht gedacht habe, dass die möglich sind. Das ist so ein bisschen Experimentieren am eigenen Instrument – was ist möglich, was ist nicht möglich – die eigenen Grenzen austesten und sicherlich auch aus Fehlern lernen, die man in der Vergangenheit gemacht hat, und es einfach noch mal probieren.

Der Jascha Heifetz hat sinngemäß einmal gesagt, ein Geiger müsse seinem Instrument immer überlegen sein.

Im optimalen Fall ja.

Wo sehen Sie Ihre technischen Grenzen? Es ist ja Wahnsinn: Sie haben als junger Geiger schon die Paganini-Capricen eingespielt...

Es gibt sicher physische Grenzen, die man nicht überschreiten kann. Es geht ja auch nicht immer nur um Virtuosität, aber sie ist Voraussetzung. Es gibt sicherlich auch Material, Stücke, Konzerte, bei denen sie mehr im Vordergrund steht als die Musik. Gerade bei den virtuosen Kompositionen von Paganini, Wieniawski und so weiter. Aber: Grundsätzlich ist Virtuosität ja Mittel zum Zweck. Sie gibt dir die Freiheit, auf der Bühne oder wo auch immer du spielst, nicht darüber nachdenken zu müssen, sondern sich einfach zu entspannen und die Musik selber genießen zu können.

Wo liegt für Sie der grundsätzliche Unterschied zwischen E- und U-Musik?

Es gibt jeweils gute und schlechte. Das ist der wesentliche Unterschied, grundsätzlich.

Ja, klar. Dieser Paradigmenwechsel, für den Sie ja fast gallionsfigurmäßig stehen, durch den sind Sie ja auch Anfeindungen aus der Traditionalisten-Hardcore-Klassiker-Ecke ausgesetzt. Trotzdem tun Sie’s...

Ich glaube, wenn man im Leben immer auf alle Menschen hört, die um einen herum sind, dann kommt man ja zu nichts. Im Endeffekt habe ich seit Jahren immer das gemacht, was ich für richtig halte, was mir Spaß macht und auch, womit ich qualitativ absolut leben kann. Ob das nun in der Klassik oder außerhalb der Klassik ist. Dementsprechend gibt’s sicher immer einen, der sagt, das gefällt mir nicht, aber ich freu mich dann, wenn’s vielen Leuten gefällt.

Sich treu zu bleiben, ist wohl bei allem die richtige Wahl...

Da gibt’s immer den einen oder anderen, der mal so oder so schreibt. Dann denkt man, ja, ach Gott, hab ich doch wohl alles falsch gemacht. Aber im Endeffekt weiß ich ganz genau, was ich mache, und wieso ich’s mache. Ich freue mich immer, dass ich auch die Gelegenheit habe, wirklich diesen Spagat hinzubekommen zwischen erstklassiger Klassik und auch diesen Möglichkeiten. Ob das jetzt auf der Berliner Waldbühne ist oder auf dem Königsplatz in München – und dann vor so vielen Leuten auch zwischendurch ein bisschen was von Beethoven oder Bach zu spielen. Das ist schon absoluter Wahnsinn, was die letzten paar Jahre passiert ist. Ich weiß das wirklich zu würdigen. Ich habe ganz, ganz viel Glück gehabt. Das ist ein tolles Leben, das ich leben darf.

Das hört sich gut an. Es ist sicher ein anstrengendes Leben. Aber Sie sind ein junger 32-jähriger Mann.

Aber Mensch, anstrengend sind doch nur die Sachen, die man nicht gerne macht.

Sie haben das Beethoven-Violinkonzert vorgelegt. Jetzt kommt das Brahms-Konzert und – das ist ja auch der Hammer – mit Zubin Mehta und dem Israel Philharmonic Orchestra. Das müssen Sie doch eigentlich auch als Ritterschlag erster Güte empfinden, oder wie sehen Sie das?

Ein Stück weit schon. Mit Zubin Mehta verbindet mich eine sehr, sehr lange Geschichte. Er war eigentlich einer der ersten großen Dirigenten, die mich unterstützt haben. Insofern ist das noch mal absolut eine große Ehre, da mit ihm arbeiten zu können – zu dürfen. Ich freue mich natürlich, nach dem Beethoven-Konzert jetzt auch das Brahms-Konzert aufnehmen zu dürfen.

Das ist technisch noch einmal ein bisschen drüber?

Möchte ich gar nicht so sagen. Es ist so: Sicherlich könnte man von der Virtuosität her sagen, dass es schwieriger ist. Aber ich glaube, dass das Beethoven-Konzert einfach sehr brachliegend ist für die Geige. Das heißt, eine Spur unangenehmer zu spielen als das Brahms-Konzert.

Es wird einen Spielfilm geben: Paganini. Was reizt Sie daran?

Dazu wollte ich mich eigentlich nicht äußern, weil es heute eher um die Tour geht. Ich sage jetzt mal einen Satz dazu: Das ist ein langes Projekt gewesen. Über zweieinhalb Jahre haben wir daran gearbeitet, und ich freue mich, dass es jetzt im Spätherbst, im Frühwinter dann endlich so weit ist, dass es rauskommt.

Wenn man Ihren Tourplan anschaut, dann kann man sagen, dass bei Ihnen eigentlich immer gilt: „Nach dem Gig ist vor dem Gig.“

Richtig.

Das ist aber doch sehr anstrengend, oder?

Ja, das stimmt. Auf der anderen Seite glaube ich, dass es gerade für einen Vollblutmusiker das absolut Größte ist, live zu spielen. Gerade auch im Sommer die Open-Air-Venues, die ich spielen darf – was Schöneres und Opulenteres kann man sich als Musiker nicht wünschen.

Was ist für Sie der größte künstlerische Thrill?

Auf der Bühne zu stehen und sich gut zu fühlen. Und in dem Moment wirklich zu musizieren, das heißt zuzuhören. Ich denke, in dem Moment, in dem du wirklich im Element selber drin bist, keine Nervosität hast, sondern einfach selber Spaß an dem, was um dich herum passiert, das ist der schönste Moment.

Sie spielen ja auch zum Teil auf Klick.

Es gibt sicherlich Stücke, die auf Klick programmiert sind. Einfach nur aus rhythmustechnischen Gründen. Aber viele der klassischen Stücke, die wir spielen – um Gottes Willen.

Ich meinte beim Cross-over.

Im Cross-over-Programm gibt’s sicher einige Sachen, die auf Klick programmiert sind. Das hat aber mit der Show zu tun.

Haben Sie Vorbilder?

Ganz, ganz viele. Das kann ich jetzt nicht so in zwei, drei Sätzen sagen.

Ich meine geigerische.

Klassische Vorbilder – Jascha Heifetz, Nathan Milstein, Isaac Stern. Auch viele der Menschen, mit denen ich selber noch arbeiten durfte. Ob das jetzt Itzhak Perlman ist oder Yehudi Menuhin: Das ist eine ganz, ganz lange Liste von großen Musikern, die ich natürlich auch persönlich bewundere.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, jemanden zu treffen, um mit ihm zu reden oder gar zu musizieren, also einen, ob lebend oder schon gestorben: Wer wäre da ihr absoluter Wunschkandidat?

Mozart und Paganini.

Warum hab ich das gewusst?

Keine Ahnung. Wenn Du’s gewusst hast, warum hast Du’s dann gefragt?

Ja, genau. Vielleicht, um mich im Prinzip zu...

...bestätigen.

Genau. Eine etwas triviale Frage: Wann übt ein Mensch wie Sie?

Wenn ich Zeit habe.

Und wann haben Sie Zeit?

Entweder, wenn ich mal früh aufstehe, oder wenn ich halt spät abends alleine bin im Hotel. Es ist schon so, dass ich dort genug Zeit habe, und gerade in diesen paar Wochen, in denen ich – ich muss es trotzdem im Prinzip erwähnen, ich darf’s eigentlich nicht so richtig – aber in denen ich im Studio sitze und natürlich viel schreibe für den Film, der rauskommt, da hast du sicherlich auch mal Zeit, zwei Stunden zu sagen, okay, jetzt mach ich mal Pause und bereite mich auf die Klassik-Tour vor.

Sie haben als Jugendlicher die Mozart-Violinkonzerte eingespielt. Das sind praktisch die Aufnahmen des jungen Garrett. Heute, würde ich sagen, sind Sie der junge mittlere Garrett. Wenn Sie die Mozart-Konzerte heute wieder einspielen würden, wie würden die klingen?

Die würden so klingen, wie ich sie heute spielen würde. Das kann ich nicht irgendwie definieren. Ich weiß nicht, ob sie genauso klingen würden wie früher. Aber ich gehe mal davon aus, dass es nicht so ist. Einfach nur, weil man auch anders an Stücke rangeht. Das hat sehr viel mit Instinkt zu tun, wenn man sehr jung etwas einspielt, etwas einstudiert. Und irgendwann hat man sich auch mehr mit dem Manuskript, mit der Partitur beschäftigt. Ich glaube, je älter man wird, desto besser wird man im Zuhören und im Realisieren, was um einen herum passiert. Auch im Interagieren mit dem Orchester oder bei Cross-over-Konzerten mit der Band.

Stichwort Entromantisierung. Sie haben vorher Isaac Stern erwähnt. Ich denke, so wie er würde man die Konzerte heute nicht mehr spielen, also auch Mozart zum Beispiel.

Ja, aber auf der anderen Seite ist es doch großartig, dass gerade in der Generation diese Vielseitigkeit Bestand hatte. Ich vermisse das. Ein Grumiaux, ein Milstein, ein Heifetz: Die hatten alle ihren eigenen, persönlichen Sound. Es ist heutzutage sehr, sehr schade, dass es fast schon eine Norm gibt, wie ein Stück zu spielen ist, und wie ein Geiger zu klingen hat. Was man nicht machen darf, und was man machen darf: Das ist schon alles sehr geregelt. Wo ein Glissando möglich ist, bei welcher Komposition: Da hatten ein Casals oder ein Furtwängler schon größere Freiheiten. Ich finde das manchmal sehr schade, dass da so eine Norm entstanden ist im Geigenspiel. Persönlich bin ich ein großer Fan der älteren Generation, die da wirklich noch die Eier gehabt hat, das zu machen, was sie im Moment für richtig gehalten hat – auch wenn es vielleicht in dem Moment nicht richtig war. Aber das hat sie in gewisser Weise doch ausgezeichnet.

Haben Sie eigentlich Lampenfieber?

Manchmal mehr, manchmal weniger. Lampenfieber ist der falsche Begriff. Aber es gibt sicherlich Tage, an denen man ein Stück weit mehr aufgeregt ist. Also gerade die ersten zwei, drei Konzerte bei der Cross-over-Tour oder bei der Klassik-Tour. Jetzt auch im April bei der Klassik-Tour das Bruch-Konzert in der ersten Hälfte, dann in der zweiten ein Paganini-Konzert mit La Campanella und das Brahms-Violinkonzert zu spielen: Ich würde jetzt mal behaupten, ich wüsste jetzt auch keinen Klassik-Künstler, der das hinbekommt.

Da spielen Sie mit den Festival Strings Luzern. Das ist ja auch ein renommiertes Orchester.

Ja, ich freue mich, mit denen zu arbeiten. Es gibt ordentlich viele Noten zu spielen, und ich glaube, die ersten zwei Konzerte, da werde ich mal schon ein bisschen – also nicht Lampenfieber, weil das immer negativ ist und bei mir sehr selten vorkommt – im Bauch schon so ein Kribbeln haben. Mal hie und mal da ein bisschen mehr, manchmal etwas weniger.