Ohne Foul und ohne Abseits

Erste Eigenpremiere im Bandhaus – Fußballstück zum 50. Geburtstag der Bundesliga

Boris C. Motzki und Christian Muggenthaler verabschieden sich nach Small Talk und Fachsimpeleien während der Premierenfeier im Bandhaus von ihren Schauspielern. Der Regisseur und der Dramaturg sind zufrieden mit der Uraufführung des Fußballstücks „Das Spiel dauert 90 Minuten“.

Backnanger Bürgerbühne in Aktion (von links): Die Akteure Willy und Rainer Lachenmaier, Ralf Kleinpeter, Sylvia Kappel, Anna Blind, Marion Hettich und Serina Wiesenthal beim Fußballabend im Bandhaus-Theater. Die Regie führte Boris C. Motzki, Dramaturg war Christian Muggenthaler. Foto: Bandhaus

Von Thomas Roth

BACKNANG. Es gab keine Fehlpässe, keine Fouls und keine Abseitsfallen. Das Trainerteam des Theaters hatte mit sieben Laiendarstellern innerhalb von sechs Wochen eine Fußball-Revue auf die Beine gestellt, bei der ein guter Teamgeist mitspielte. Jeden Werktag vier Stunden zu proben erfordert nicht nur Begeisterung für die Sache, sondern auch Disziplin. Immerhin galt es, ein ehrgeiziges Ziel zu verfolgen: Eine Backnanger Bürgerbühne ins Leben zu rufen.

Zum 50. Geburtstag der Bundesliga entschieden sich Jasmin Meindl und Juliane Putzmann für ein Fußballstück. In dem Nummernprogramm, für das auch Texte von Marius von Mayenburg („Letzter Mann“) und Thomas Brussig („Leben bis Männer“) verwendet wurden, wird fast alles angesprochen, was einem zum Thema Fußball einfällt. Von den unschuldigen Anfängen der Sportart 1867 auf der britischen Insel zum inzwischen fast allerorten gängigen, partiell pöbelhaften Fanverhalten per se, von rassistischen Tendenzen (genannt werden Rostock und St. Pauli) bis hin zur Oma, die sich über den Bierkonsum ihres Gatten während eines Spiels aufregt.

Auch das wünschenswerte und eben doch nicht stattfindende Outing schwuler Kicker, die sich in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft offenbar gezwungen sehen, eine Scheinehe zu führen (Namen werden nicht genannt). Und dies, um ihren Stammplatz nicht zu verlieren und den Reaktionen des Publikums und der einschlägigen Presse nicht ausgesetzt zu sein. Outing? Fehlanzeige.

Die Darsteller ihrerseits wirken textsicher und bewegen sich souverän auf den Bühnenbrettern. Allen voran Anna Blind zum Beispiel als Reporterin in der Szene mit einer nicht funktionierenden Schalte nach Nikosia. Sie sollte man als Caster im Auge behalten. Neben den ambitionierten Spielerinnen Marion Hettich und Sylvia Kappel, die wie fast alle Mimen in diversen Rollen zu sehen sind, agiert Serina Wiesenthal. Dass Letztere irgendwie vom Fach sein muss, ist allein an ihrer Sprache, in ihrer Rolle als Moderatorin bei den Talkshows zu bemerken. Sie fungiert bei dieser Produktion so nebenbei auch als Regieassistentin und zukünftige Abendspielleiterin.

Willy Lachenmaier sprüht vor Spielfreude. Nicht nur seine Zeitlupen-Aufwärmnummer gegen Ende des Abends („Warten auf Heinz“) bringt Heiterkeit.

Da die einzelnen Szenen des Theaterstücks in keine alles umklammernde Geschichte eingebettet sind, ist die Konzentration des Zuschauers während der 90 Minuten, so er am Ball bleiben will, schon sehr gefordert. Der theatralisch-idealistische Ansatz des Fußball-Bürgertheaters ist eine eher harte Nuss.

Gut gewählt ist die Beckett-Paraphrase am Schluss. Tatsächlich ist die Szene „Warten auf Heinz“ die eindringlichste des Abends. Das ist Theater. Ausdrucksstark gespielt von Rainer Lachenmaier, die einzige, konstante Figur des Stücks, als der über Fußball, im Gegensatz zu den völlig uninteressanten anderen Ballsportarten wie Volley-, Hand- oder Basket-..., philosophierende Trainer, und auch von Ralf Kleinpeter, immer relaxed, auch als Trapattoni oder Reporter, sowie Willy Lachenmaier. Das Training fällt aus, weil Heinz den Ball hat. Das ist wirklich tragisch. Überraschenderweise gibt es aber doch ein versöhnliches Ende: Anna Blind zaubert...