Verschwörungstheorien bei Schnitzel und Pommes

Wilde Thesen zu Winnenden und Wendlingen: „Es wird von der obersten Regierung alles verschleiert“

Von Peter Wark und Reinhard Fiedler

SULZBACH AN DER MURR. Alles üble Lügen! Nämlich die offiziellen Darstellungen des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen und die der blutigen Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt anno 2002. Das behaupten nicht wir, das glaubt felsenfest eine nicht näher quantifizierbare Gruppe von Menschen, von denen sich jetzt stark zwei Dutzend in einer Sulzbacher Gaststätte trafen. Es sollte ein eigenartiges Erlebnis werden, dieser Abend. Ein Erlebnis, das uns beide inkognito teilnehmenden Journalisten die Nacht drauf schlecht schlafen lässt. Was, um Gottes Willen, geht im Kopf einiger Mitmenschen wohl vor? Unfassbar.

Die meisten, die sich zum Gedankenaustausch treffen, kennen sich nicht persönlich. Bislang haben sie in Internet-Foren diskutiert. Sie eint nicht nur die Überzeugung, dass fast alles gelogen ist, sie sind sich auch sicher, dass die Republik von einer nicht näher zu fassenden Macht gelenkt wird, von einem Staat im Staate.

Dass ein 17-Jähriger Amok läuft, ist für sie nicht vorstellbar. Nein, von gedungenen Killern, von Soldaten und von einem nebulösen Geheimdienst ist die Rede. Der Staat steckt hinter den Ereignissen, heißt es. Tim K. sei nicht der Täter, zumindest nicht der einzige, und er sei nur ein Sündenbock.

Solche Thesen werden an diesem Abend in einem Saal, in dem sonst Hochzeiten gefeiert und Parteirepräsentanten für eine Wahl nominiert werden, bei Schnitzel mit Pommes und bei Käsespätzle mit Salatteller durchgekaut und – erstaunlich genug – von niemandem infrage gestellt.

Demokratisches Staatswesen? Nein, daran glauben nach Ansicht dieser Online-Aktivisten nur noch Naivlinge. Rechtsstaat? Pah! Von Staatsterror ist die Rede, bei uns und andernorts. „Das ist so gewollt, dass Schüler und Lehrer verbluten“, ereifert sich eine Frau und bezieht sich hierbei auf einen Amoklauf in den USA. Eine Grauhaarige, die einer jeden abstrusen These noch eins draufsetzt, erklärt lauthals und mit zunehmend nervtötendem Habitus, dass es eh keine Pressefreiheit gibt, „nur eine gelenkte Medienmacht“.

Wir Gelenkten, an diesem Abend unerkannt bleibend, hören, dass der Bürgerkrieg vor der Tür steht. Eine These, die in dieser Runde absolut mehrheitsfähig ist. Je absonderlicher die Theorie, desto kräftiger der Beifall. Ein Mann sagt im Brustton der Überzeugung, was auch die anderen zu wissen glauben: Der Staat steckt hinter den tragischen Ereignissen von Winnenden und Wendlingen. Warum? Um anschließend Privatleute entwaffnen zu können, damit die im ganz sicher stattfindenden Bürgerkrieg dem Staat nicht mehr in die Quere kommen können. „Alles ist schon eingefädelt.“

Es fällt dieser und es fallen viele ähnliche Sätze. Ein Teilnehmer glaubt an „eine höhere Einheit, die politisch tätig ist“. Eine Frau weiß: „Es wird von der obersten Regierung alles verschleiert.“ Etliche der Versammlungsteilnehmer lassen durchblicken, dass sie Waffenfreunde sind. Einer von ihnen erklärt draußen in einer Raucherpause, dass er nur noch mit Schwarzpulver schießt. Da könnten hinterher die Ballistiker nichts mit anfangen. Es ist unwichtig, ob das sachlich richtig ist, es ist aber eine tief blicken lassende Äußerung gegenüber einem Journalisten, der nicht sagt, dass er ein solcher ist.

Doch es sind keineswegs Leute, die einen leicht desorientierten Eindruck machen an diesem denkwürdigen Abend in Sulzbach. Nein, müsste man sie gesellschaftlich verorten, wäre gehobenes Bürgertum zumindest bei einem Teil der Anwesenden durchaus zutreffend. Die meisten sind keine Schreier, sie wissen wohl zu formulieren. Ob sie nun Mitte Zwanzig sind oder schon im fortgeschrittenen Pensionärsalter.

Aus Backnang kommt einer, aus der näheren Umgebung sind einige andere, die meisten aber sind von teilweise weit her angereist. Stuttgarter Kennzeichen auf dem Parkplatz, aus Oberschwaben kommen zwei, der Zungenschlag eines Mannes lässt eine Herkunft aus dem Schwarzwald vermuten. Sogar aus dem Ruhrpott und aus Berlin sind sie angereist zu dieser im Internet und auf einem Flugblatt angekündigten Veranstaltung, bei der die Presse ausdrücklich nicht erwünscht ist.

Initiiert wurde die bizarre und fast vier Stunden lang tagende Sulzbacher Runde von einem „Historiker und Publizisten“ aus dem Badischen namens Andreas Hauß. Der beleibte Mann mit grauem Kurzhaarschnitt und hellem Sakko ist einer von dreien, die auf dem Podium sitzen. Neben ihm der Anwalt Eric T. Langer aus Erfurt und ein Sulzbacher Bürger, der als Schriftführer und Organisator fungiert. Süffisant werden von Hauß zu Beginn all diejenigen begrüßt, „die dienstlich hier sein müssen“. Ob damit Journalisten gemeint sind oder ob man sich von staatlicher Seite bespitzelt fühlt, bleibt dahingestellt. Man habe doch sicher nichts dagegen, gefilmt zu werden, heißt es an das Publikum gerichtet.

In der Tat ist an diesem Abend ein Mann dazu abgeordnet, eine Videokamera zu bedienen. Eine Seite des Saales werde nicht gefilmt, sagt Hauß. Wer nicht im Bild erscheinen möchte, möge sich bitte dort hinsetzen. Keiner tut’s. Eine weitere Kamera steht vor Hauß auf dem Tisch – das Objektiv, sofern es sich um ein Weitwinkel handelt, hat alle im Fokus...

Eric T. Langer war Anwalt der meisten Opferfamilien nach dem Amoklauf von Erfurt. Pannen, Rätsel, offene Fragen, Ungenauigkeiten beim Polizeieinsatz und danach treiben ihn um; ihn, der bei dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium seine Partnerin, eine damals 39 Jahre alte Kunstlehrerin, verloren hatte. Langer hat Akten gefressen. Akribisch hat er sich des Falls angenommen. Fast 10000 Seiten Bericht hat er gelesen und war danach mit mehr offenen als beantworteten Fragen zurückgeblieben. So viele, dass er Anzeige gegen die Verantwortlichen des Erfurter Polizeieinsatzes wegen unterlassener Hilfeleistung gestellt hat. Einer der zentralen Vorwürfe: Drei Lehrer und zwei Schüler in Erfurt seien erst ein bis zwei Stunden, nachdem sie angeschossen wurden, gestorben. Zeit, die man habe verstreichen lassen. Der Tod mehrerer Opfer sei nachweislich erst deutlich nach dem im Totenschein genannten Zeitpunkt eingetreten. Detailliert beschreibt der Jurist Pannen über Pannen. Er werde ausgebremst, seine Fragen würden nicht beantwortet. „Ich bin ja sowieso der Trottel dort vor Ort.“

Über allem liegt indirekt ausgesprochen der Vorwurf der bewussten Verschleierung, Manipulation und die These, dass Erfurt in Wahrheit ganz anders abgelaufen ist, als es die offizielle Version darstellt. Sogar die Möglichkeit, dass man die Leiche eines 18. Todesopfers habe verschwinden lassen, findet Eingang in den Vortrag.

Der Jurist weiß sehr wohl, was er dezidiert sagen kann und was nicht. Zum Beispiel die im Publikum nicht infrage zu stehen scheinende Theorie, dass nicht Robert Steinhäuser der wirkliche oder einzige Täter war. Langer: „Ich werde nie sagen, es gab einen zweiten Täter. Ich werde aber nie sagen, es gab keinen zweiten Täter.“ Dann sagt er noch: „Es steht fest, dass Steinhäuser von Polizisten ausgebildet wurde.“ Während der Rechtsanwalt es tatsächlich schaffen könnte, unvoreingenommene Zuhörer nachdenklich zu stimmen, wird es im Anschluss an seinen Vortrag immer abenteuerlicher. Langer hat sich mit dem Hinweis auf die lange Fahrt nach Thüringen längst verabschiedet, als die Diskussion unter den knapp 30 Besuchern so richtig in Fahrt kommt. Ein Backnanger erklärt, dass er Anzeige wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung innerhalb des Staatsapparats gestellt hat. Am Mikrofon versucht Hauß unterdessen mehrfach, aber erfolglos, die Diskussion zu strukturieren und die Gesinnungsfreunde zu weitergehenden Aktivitäten zu animieren. Ob man verstärkt „an die Angehörigen ran“ soll, fragt er. Die seien aber froh, dass man ihnen einen Täter präsentiert hat. Die wollten gar nichts anderes hören, wird in der Runde mehrmals bedauert. Eine bizarre Veranstaltung an einem Abend vor dem Bürgerkrieg, „der ganz gewiss kommt“.