Abwarten ist keine Alternative

Engagierte Diskussion mit Kultusminister Andreas Stoch im Backnanger Feuerwehrgerätehaus

Große Resonanz fand die Einladung des Landtagsabgeordneten Gernot Gruber zum Backnanger Gespräch mit Kultusminister Andreas Stoch. Etwa 130 Interessierte, darunter viele Eltern sowie Lehrer und Rektoren aller Schulformen, kamen ins Feuerwehrgerätehaus.

Stehender Redner, konzentrierter Zuhörer: Kultusminister Andreas Stoch kam auf Einladung des Landtagsabgeordneten Gernot Gruber (rechts) nach Backnang. Stoch sprach sich unter anderem gegen ideologische Scheuklappen aus. Foto: J. Fiedler

BACKNANG. Nach den Begrüßungsworten von Gernot Gruber und der leitenden Schulamtsdirektorin Sabine Hagenmüller-Gehring kam Andreas Stoch sofort zur Sache und sprach sich gegen ideologische Scheuklappen und eine parteipolitisch orientierte Diskussion in Bildungsfragen aus. Schon allein in Anbetracht weiterhin sinkender Schülerzahlen sei das Abwarten keine Alternative, sondern würde zu ausuferndem Schulsterben führen.

Priorität der Landesregierung sei es, die Schulstruktur im ländlichen Raum zu erhalten, auch wenn nicht jede einzelne Schule bleiben kann. Das dreigliedrige System ist auch aufgrund veränderten Wahlverhaltens nicht mehr haltbar und unter Qualitätskriterien ebenso wenig: In allen Leistungsvergleichen hätten baden-württembergische Schüler seit dem Jahr 2000 sukzessive immer schlechter abgeschnitten. Die letzte Studie der Kultusministerkonferenz bezog sich auf das Frühjahr 2012, könne also nicht, wie häufig geschehen, den jüngsten Umgestaltungen angelastet werden: Damals hatten Neuntklässler aus dem Bundesland der Tüftler und Ingenieure im Fachbereich Mathematik/Naturwissenschaften nur den neunten Platz belegt. Dennoch habe man die Gemeinschaftsschule nicht per Gesetz einführen wollen, sondern setze auf einen Wandel aus Überzeugung, der auch von unten getragen werden soll.

Der Minister stellte erste Erfolge der jungen Landesregierung zum Teil numerisch dar, was ihm in der engagierten Diskussion als statistische Zahlenspielerei ausgelegt wurde: Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis von 1:14 sei sehr weit von der Realität entfernt. Stoch erntete hier verbitterte Lacher aus der Lehrerschaft, die mit bis zu 30 Kindern pro Klasse zurechtkommen muss. Freilich konnte geklärt werden, dass es sich bei der 14 um einen Durchschnittswert handelt, ein Gebärdensprachlehrer beispielsweise nur vier Kinder unterrichtet. Stochs Einlassung, die Klassengröße sei ein untergeordnetes Merkmal für Qualität, wurde mit lautem Murren abgelehnt, und man fragt sich in der Tat, ob den Minister hier nicht der gesunde Menschenverstand verlassen hat. Die geballte Kompetenz im Saal, so Gernot Gruber, schonte Andreas Stoch nicht und brachte die Belange aller Schulformen auf die Tagesordnung.

Da ging es um Berufsschulthemen, um die Höhe und die sinnvolle Verteilung der erforderlichen Ressourcen, um G8 und G9 an Gymnasien und die Realisierbarkeit der Inklusion in allen Schulformen. Letzterem Thema zollte der Kultusminister seinen großen Respekt, da es viele Fehlsteuerungsgefahren berge. Man müsse die Schulen auf Inklusion vorbereiten, sonst drohe eine Polarisierung zwischen Schülern mit und Schülern ohne Förderbedarf eine Frage des gesellschaftlichen Klimas, die vor den Lehrerzimmern nicht haltmacht. Eine heftige Debatte entzündete sich an den ausbildungsbedingten Besoldungsunterschieden zwischen Kollegen, die zum Teil schon jetzt gemeinsam an einer Schulform unterrichten. Bezüglich der personellen Versorgung der Schulen zeigte sich der Minister als jemand, der zweifellos das Richtige will, aber in Sachzwängen gefangen ist. Der Landeshaushalt muss neuverschuldungsfrei aufgestellt werden, sodass als Verhandlungsmasse fast nur die demografische Rendite bleibt.

Der Ausdruck meint die infolge sinkender Schülerzahlen frei werdenden Lehrkräfte. Stoch plädierte dafür, diese im System zu belassen. Unverantwortlich nannte er es, den Deutschunterricht für Zuwandererkinder aller Altersstufen weiterhin zu vernachlässigen und versprach unter Beifall, im neuen Doppelhaushalt für ein höheres Bedarfsdeckungskonzept zu kämpfen. Das Credo des Ministers, dass uns bei all diesen Aufgaben kein einziges Kind verloren gehen darf, meint jeden: die hier und anderenorts Verwurzelten, die Kinder mit und ohne Förderbedarf und hoffentlich auch die Begabtesten. Vereinzelt allerdings gewann man in der Diskussion den Eindruck, dass es Lehrern weniger um das Wohl des Kindes geht, als um den Erhalt des Status Quo, sprich den Erhalt ihrer Schulform, den Erhalt des Prinzips der frühen Trennung und Einteilung von Kindern in Kategorien. Gernot Gruber in seinem Schlusswort würdigte engagierte Pädagogen, mit denen der Bildungserfolg in jedem System steht und fällt.