„Zipp“ und „Boing“ jagen im Kreis herum

Erste Schultheatertage im Backnanger Bandhaus-Theater – Workshops geben Einblick in verschiedene Formate und Formen

Workshops, Theateraufführungen, Stückbesprechungen und eine Party unter dem Motto „Alles aus Papier“ lockte 32 junge Theaterinteressierte ins Backnanger Bandhaus-Theater zu den ersten Schultheatertagen.

Tolle Dinge, die man mit einer Gruppe machen kann: Workshop im Bürgerhaus mit dem Theaterpädagogen Florian Frenzel. Foto: E. Layher

Von Heidrun Gehrke

BACKNANG. Ein kurz ausgestoßener „Ha“-Ruf wandert im Kreis herum. Danach ein „Zipp“ und „Boing“. Der Impuls kommt beim Nachbarn an, wird wie ein Ball an einer Schnur im Kreis herumgeworfen, jeder klinkt sich in irrwitzig schnellem Tempo ein, man kann beobachten, wie der Impuls durch den Raum läuft. In einer weiteren Übung sagt jeder seinen Vornamen in Verbindung mit einer Geste, die anderen ahmen ihn nach.

Unter Anleitung des Theaterpädagogen Florian Frenzel probieren die Jugendlichen spielerisch neue Ausdrucksformen aus, trainieren Reaktionsschnelligkeit, Teamgeist und Improvisation. „Dream-Team-Tricks oder einige tolle Dinge, die man mit einer Gruppe machen kann“, so heißt der Workshop, in dem sie sich spielerisch als Ensemble organisieren und einen gemeinsamen Rhythmus finden. „Im Theater hat nicht jeder isoliert seine Figur. Oft gibt es Chorsituationen, bei dem nicht ein Einzelner die Verantwortung hat und man sich auf seine Mitspieler verlassen muss“, erklärt Florian Frenzel den Ansatz.

Mit den Workshops sollen das persönliche Weiterkommen als Akteur und der Zusammenhalt in einem Ensemble gefördert werden. In einer Übung macht ein Junge einen Luftsprung – für sich genommen nicht spektakulär. Eine magische Kraft erhält sein Sprung durch die anderen, die so tun, als würde ein 40-Tonnen-Kerl zu Boden krachen: Sie machen zitternde Posen, mimen eine starke Erschütterung, so hinterlässt der Sprung erst durch die kollektive Bewegung einen bleibenden Eindruck. Ähnliches vermittelt Frenzel für das gesprochene Wort: „Wenn viele gleichzeitig sprechen, kriegt es eine andere Wuchtigkeit, auch Gesang klingt satter.“ Eine andere Spielart, die in der Gruppe funktioniert, ist die Arbeit mit Zeitlupe, was die Schüler mit verlangsamtem Wettrennen oder Kampfszenen durchspielen. Im Theater liefere man dem Mitspieler Stichworte, auf die der andere reagieren müsse: „Wenn er sich nicht erschrickt, wenn ich ihm Angst einjage, kann ich nicht weiterspielen oder läuft meine Rolle ins Leere“, so Frenzel, der die Jugendlichen lobt: „Es gab keine Dünkelgeschichten, alle wollten ihr Bestes geben, es herrschte eine Wertschätzung und Neugier auf die anderen Mitspieler.“ Anfängliche Schüchternheit habe sich gelegt, die Gruppen hätten sich durchmischt, miteinander gesungen, er habe „nichts anschieben“ müssen. „Mein Eindruck war, es ist ein bisschen Festivalstimmung aufgekommen.“

Auch im Improvisations-Workshop von Christian Schidlowsky, dem neuen Regisseur der Bürgerbühne, in den Nachgesprächen zu den gezeigten Stücken sowie bei der „Papier“-Party habe eine persönliche Atmosphäre und ein guter Austausch geherrscht, zieht Anne Wittmiß vom Bandhaus-Theater ein positives Fazit. Die Fragen der Schüler seien auf einen Vergleich der Arbeitsweisen hinausgelaufen: Wie läuft es bei euch, wann fangt ihr an zu proben, wie lange braucht ihr für die Texte. Während der Party zum Motto „Papier“ haben die Schüler nochmals die Bühne erobert und Improvisationstheater geübt. Ein Mädchen habe gesagt: „Super, dass wir hier sehen können, wie unterschiedlich Theater sein kann“. Sie hätten erlebt, dass es das „richtige Theater“ nicht gibt, sondern verschiedene Formate und Formen, die – wenn sie richtig eingesetzt werden – alle ihre Wirkung und Berechtigung haben.

Viel Anerkennung und Applaus gibt es auch für die gezeigten Produktionen der Schultheatergruppen. Im fast vollen Theatersaal reagieren Zuschauer mit „Ouuuuaa“-Rufen auf den Schatten des Räuber Hotzenplotz, der sich in riesenhafter Nahaufnahme auf sie zuzubewegen scheint. Die Shadow Brothers der Freien Waldorfschule lassen bei ihrem Schattentheater kitschig-süßliche Märchenästhetik hinter sich und schaffen eine experimentelle Licht-Schatten-Umgebung. Je nach Abstand der Lampe wirken die Darteller übermenschlich groß oder winzig. In einer Szene sitzt eine Person im Schloss, in einer anderen ist das Schloss von Weitem zu sehen. Durch den virtuosen Einsatz der Lampe entwickeln sich Tiefe und Dreidimensionalität.

Erster Bürgermeister Michael Balzer hatte in der Eröffnung dem Theaterspiel weitreichende positive Wirkungen zugesprochen: „Meist sind die kleinen Rollen von heute die großen von morgen“. Die Schultheatertage bieten den Jugendlichen reichlich Gelegenheit, an diesen „Rollen“ auf der Bühne wie auch an denen im Leben zu arbeiten.