Figuren werden plötzlich lebendig

Die Lesung von Stephan Stadler aus „Most und Sühne“ gerät zur Performance

Es kann äußerst amüsant sein, von zwei Morden in Unterweissach zu hören. Proppenvoll war das Bürgerhaus der Gemeinde bei Stephan Stadlers Premierenlesung aus seinem Buch „Most und Sühne – Ein Weissach-Krimi“, die der Erstlingsautor zu einem abwechslungsreichen Event gestaltete.

Hat in seinen Krimi jede Menge Lokalkolorit eingestreut: Stephan Stadler.Foto: A. Becher

Von Claudia Ackermann

WEISSACH IM TAL. „Langsam und sanft plätschernd suchte sich der Brüdenbach seinen Weg...“, beginnt Stephan Stadler seine Lesung. Die 110 Besucher im Bürgerhaus Unterweissach lauschen der Beschreibung des Bachlaufs, vorbei am Alexanderstift und der Missionsschule. Unter der Langen Brücke hat sich Traugott niedergelassen „seines Zeichens Taugenichts und Müßiggänger, Lebenskünstler und Nichtsnutz“. Die Romanfigur macht eine schaurige Entdeckung: „Es war ein Toter, der da mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser schwamm.“ Der Alkoholisierte bindet die Leiche an seinem Gürtel fest, damit sie nicht abtreibt. „Erst mal darüber schlafen: Der Tote würde morgen zweifellos auch noch tot sein.“

Nicht nur die Lesung aus dem unterhaltsam erzählten Krimi trägt zu einem gelungenen Abend in der Reihe „Literatur unterm Kamin“ bei, die vom Kulturkreis Bildungszentrum Weissacher Tal veranstaltet wird. Der ortsansässige Autor hat sich auch sonst noch einiges einfallen lassen. So übernimmt das musikalische Rahmenprogramm die Formation „Eissele, Pasulke und Freunde“, in der Stephan Stadler selbst singt, unterstützt von Jennifer Jastram, und an den Gitarren von Ulrich Mayer und Ulrich Müller begleitet wird.

Nach den beiden ermittelnden Kommissaren, von denen einer ein Schwabe ist und der andere aus Norddeutschland kommt, ist die Combo benannt und präsentiert eigens für die Lesung komponierte und getextete Lieder aus der Feder des Autors, die zur Erheiterung beitragen. Titel lauten etwa „Doppelmord“ oder „Polizei“. „Wer lässt jeden wieder frei? Unsere Polizei“, heißt es da, und Stadler greift auch schon mal zum Miniaturklavier oder zur Nasenflöte.

Das Büchlein mit 104 Seiten ist mit Bildern des Weissacher Malers Werner Drautz ergänzt, die bei der Lesung im Original ausgestellt sind. Motive zeigen etwa die Lange Brücke in Unterweissach oder auch eine alte Scheune beim Unteren Dresselhof, die Schauplatz eines weiteren Mordes im Krimi ist. Aber auch das alte Rombold-Areal mit dem Kamin ist dabei, der der Weissacher Literaturreihe ihren Namen gegeben hat.

Im Buch sind zehn Fotos von den Gemälden eingeklebt. Um Perfektion geht es dem Autor bei seinem lokalen Buchprojekt nicht. Auch, wenn er beim Lesen manchmal „draus kommt“, stört das die Besucher nicht, und seine charmante Art, es zu überspielen, trägt eher zu gelöster Stimmung bei.

Es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre bei der Lesung. Viele Besucher sind Weissacher und kennen sich untereinander. Da kommen Insider-Gags natürlich besonders gut an. „Sollte sich jemand in diesem Büchlein wiedererkennen, so ist das durchaus beabsichtigt. Ich habe alle Personen vorher gefragt“, heißt es im Vorwort des Krimis.

Ein Rechtsanwalt Dr. Mürtler und sein Bruder, ein Meteorologe, gehören im Buch zu verdächtigten Personen. Der Autor baut in seine Lesung Interviews mit den beiden Romanfiguren ein. Auf die Bühne kommen unter Lachern und Beifall Rechtsanwalt Sven Gürtler sowie sein Bruder Song und beteuern ihre Unschuld. Ersterer ist übrigens auch Vorsitzender des SV Unterweissach Tennis, der an der Veranstaltung für die Bewirtung sorgt. Auch ein Pfarrer mit Namen Albrecht Fluncker gerät im Krimi ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Der Interviewte bei der Lesung ist der Weissacher Pfarrer Albrecht Duncker, der Stephan Stadler Paroli bietet. Sogar der Hund des Autors hat einen Gastauftritt.

Recht unkonventionell sind die Ermittlungsmethoden der Kommissare, etwa bei einer Befragung in feuchtfröhlicher Runde am Stammtisch des Schwabenstübles. Mundartdialoge sind eingestreut. Und schließlich wird es noch romantisch, als der Kommissar sich in die Expertin für die Geschichte des Schwäbischen Waldes mit dem sinnigen Namen Helene Berg verliebt. Doch eitel Sonnenschein herrscht nicht lange. Bei der Angehimmelten in Sechselberg taucht eine dunkle Gestalt auf...

Spannung, Humor, jede Menge Lokalkolorit und eine äußerst unterhaltsame Präsentation gab es beim Leseabend im Unterweissacher Bürgerhaus. Das Buch „Most und Sühne – Ein Weissach-Krimi“ ist in Unterweissach bei Nr. 1 Am Markt zum Preis von 12 Euro erhältlich.