Gedanken über Satire und Verbrechen

Statements zum Fall Böhmermann von Kabarettisten und Kulturschaffenden

„Soll Jan Böhmermann für sein Gedicht ,Schmähkritik‘, das er am 31. März in der Sendung „Neo Magazin Royale“ auf ZDFneo unter dem Hinweis verlas, dass so etwas in Deutschland nicht erlaubt sei, bestraft werden?“ Diese Frage stellte Redakteurin Ingrid Knack Thomas Freitag, Thomas Weber, Jasmin Meindl, Juliane Putzmann und Gregor Oehmann.

Thomas Weber

Kabarettist Thomas Freitag (Berlin) bezieht sich in seiner Antwort auf Aussagen wie die des türkischen Vizepremierministers Numan Kurtulmus, der bei einem Auftritt in der südosttürkischen Stadt Sanliurfa erklärt hatte, Böhmermann habe ein „schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begangen. Freitag: „Man hat ja von schweren menschlichen Verbrechen gesprochen bei der anderen Seite. Wenn das Verbale schon ein Verbrechen ist, was ist dann der Völkermord an den Armeniern? Was ist der Mord an den Kurden? Was ist das Einsperren der kritischen Geister in der Türkei? Oder was ist es, wenn man dem IS hilft, Waffen nach Syrien zu bringen? Wenn man solche Vergleiche anstellt, wenn man das in den Kontext stellt, muss ich auch sagen: Böhmermann hat recht gehabt. Man muss langsam auf dem Teppich bleiben. Was ist denn ein Verbrechen? Wenn man schon über Verbrechen spricht, sollte man die Richtigen benennen. Frau Merkel sitzt natürlich in der Klemme. Das liegt daran, wenn wir die ganzen Jahrzehnte mit jedem Gangster Geschäfte machen – ob das Saudi-Arabien ist oder China oder der Iran oder die Türkei, alle sind sie kein Rechtsstaat – darf man sich nicht wundern, dass man langsam in dem Milieu zur Spielmasse wird. Böhmermann bestrafen? Nein. Er wird ja schon bedroht. Das ist typisch für die Steinzeitleute. Immer, wenn ihnen die Argumente ausgehen, drohen sie mit Mord. Daran merkt man auch, dass etwas nicht stimmen kann mit ihrer Religion.“

Kabirinett-Chef Thomas Weber (Spiegelberg-Großhöchberg): „Böhmermann! Stubenarrest! Das ist doch kindisch. Wie viele Kinder werden auf dem Schulhof gemobbt. Das Ganze sieht mir nach einem Duell zwischen Halbstarkem und Petzliese aus. Die Beteiligten in diesem Fall spielen eben auf einem etwas größeren Schulhof. Nun bin ich ja auf der Bühne ein unpolitischer Mensch, aber müssen wir dieses Thema bis zur Erschöpfung diskutieren? Eine Person, die in der Öffentlichkeit ihre Meinung preisgibt, wird natürlich auch öffentlich kritisiert. Das sollten alle Beteiligten aushalten können. Ob Showstar oder Spitzenpolitiker. Beide Berufsgruppen stehen gerne in der Kritik. Meist ist das aber eine Geschmacksfrage – Größe zeigen und darüber hinweggehen. Wir hatten das in Württemberg auch schon vor 250 Jahren. Ein despotischer Landesvater steckt Journalist Schubart ins Gefängnis und Schiller muss fliehen. Aber eigentlich haben wir das in unseren Breitengraden doch ganz gut in den Griff bekommen, und daran sollten wir uns auch halten. In den Gesetzen ist alles geregelt und die Justiz wird darüber befinden. Es ist deren Aufgabe und nicht die von Staatsoberhäuptern. Haben wir nichts Wichtigeres zu tun, als uns um die Befindlichkeit eines einzelnen beleidigten Menschen zu kümmern und sogar noch aus diesem Grund Gesetze zu ändern? Anempfohlene Lektüre: Schillers Gedanken über die Freiheit. Da gibt es viel zu lesen.“

Die Bandhausleiterinnen Jasmin Meindl und Juliane Putzmann aus Backnang geben eine gemeinsame Stellungnahme ab: „Es handelt sich hier um eine bewusst gesetzte „self-fulfilling prophecy“: Böhmermann sagt in der Sendung voraus, was passiert, wenn man im Gewand des Satirikers etwas tut, was man nicht darf. Und genau das tritt dann ein. Damit beschreibt er Wirklichkeit mit den Mitteln der Kunst. Gewollt provokant setzt er sich auseinander mit der Schnittstelle Kunst und Jurisdiktion. Es ging im Schmähgedicht nicht darum, einen Staatspräsidenten zu beleidigen, sondern darum, zu zeigen, was passiert, wenn man es tut. Es kommt in unseren Augen deshalb auch gar nicht auf den Inhalt des Schmähgedichts an, sondern – das ist ganz wichtig – auf das Umfeld, also die begleitenden Umstände in der Sendung, in das es eingebettet wurde. Böhmermanns Vorgehen ist also in diesem Zusammenhang nur konsequent. Das Wesen der Satire ist es, ihre Grenzen auszuloten. Das bewegt sich in der Traditionslinie Kurt Tucholskys und seinem Diktum: „Soldaten sind Mörder.“ Auch dieser Satz ist bis heute Objekt des Rechtsstreits. Wir schließen uns hier einem Kommentar des SZ-Journalisten Heribert Prantl an, der geschrieben hat, man könne diese Frage ruhig der politisch unabhängigen bundesdeutschen Justiz anvertrauen.“

Gregor Oehmann von Professor Pröpstls Puppentheater im Backnanger Bandhaus: „Den pubertären Ergüssen Herrn Böhmermanns wird entschieden zu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Eine, wie auch immer geartete, Strafe halte ich für überflüssig. Man sollte Böhmermann nicht die Chance geben, sich zum Märtyrer in Sachen „künstlerische Freiheit“ zu stilisieren. Herr Erdogan ist ja selbst ein Meister des niedrigen Niveaus. Dass er es aber schafft, selbst Böhmermann nochmals zu unterbieten („Verbrechen gegen die Menschlichkeit“), halte ich dann doch für eine reife Leistung.“