Banküberfall mit vorgehaltener Waffe

Volksbankfiliale in der Winnender Marktstraße schon zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit überfallen – Der Täter ist auf der Flucht

Mit diesem Foto sucht die Polizei aktuell nach dem Winnender Bankräuber. Foto: Polizei

Von Peter Schwarz

WINNENDEN. Schock für die Volksbank in Winnenden: Zum zweiten Mal binnen weniger als 14 Monaten wurde die Filiale in der Marktstraße überfallen. Der Täter erbeutete am gestrigen Dienstag etwa 40000 Euro – mit gezogener Pistole; ob es sich um eine scharfe oder eine Schreckschusswaffe handelte, ist derzeit unklar. Die Fahndung nach dem Flüchtigen läuft auf Hochtouren.

Gestern gegen 10 Uhr in der Marktstraße: Ratlos und aufgewühlt vor der Volksbank herumstehende Passanten; rot-weißes Absperrband; ein Schild „Notfall – vorübergehend geschlossen“ an der Tür; eine freundlich, aber entschlossen alle Kunden abweisende Polizistin; ein aufgeklappter Spurensicherungskoffer im Eingangsbereich; aus- und eingehende Ermittler – Weißbekittelte, Uniformierte, Kripobeamte in Zivil; und viele Fragen, die sich die Leute in der Fußgängerzone zuraunten: „Wie kann man denn heutzutage noch eine Bank überfallen?“ – „Schon wieder hier?“

Gegen 8.40 Uhr betrat ein Mann – laut Polizeibeschreibung „etwa 170 bis 175 Zentimeter groß, normale Figur, dunkle Jacke, vermutlich blaue Jeans“ – den Schalterraum, hielt der Kassiererin eine Pistole entgegen und floh mit rund 40000 Euro Bargeld, wie Matthias Layher, Pressesprecher der Volksbank Stuttgart, mitteilt. Ob es sich um eine scharfe Waffe oder eine Attrappe handelte, „kann man von der Optik her leider nicht sagen“, erklärte am Dienstag vor Ort ein Polizist – erst, wenn man sie „in der Hand“ hielte, ließe sich das beurteilen. Mit anderen Worten: Die Kassiererin musste davon ausgehen, dass sie in Lebensgefahr schwebte. Es gehe ihr aber, teilt Volksbanksprecher Layher mit, den Umständen entsprechend gut, sie sei umgehend psychologisch betreut worden.

Die sofort ausgelöste Fahndung brachte zunächst keinen Erfolg, obwohl auch ein Hubschrauber aufstieg. Eine Überwachungskamera in der Bank aber zeichnete brauchbare Bilder auf. Layher: „Jetzt müssen wir einfach abwarten und die Polizei ihre Arbeit machen lassen.“

Der Fall trägt Züge eines düsteren Déjà-vus – Rückblende: Vor einem starken Jahr, im Dezember 2016, wurde eben jene Volksbankfiliale schon einmal ausgeraubt. Auch damals: ein Einzeltäter. Auch damals: eine gezogene Waffe. Auch damals: eine ähnlich hohe Beutesumme, etwa 35000 Euro.

Jetzt bleibt die Hoffnung, dass die Aufklärung ähnlich schnell gelingt wie seinerzeit: Als die Polizei damals – weitere Duplizität der Ereignisse – ein Foto aus der Überwachungskamera veröffentlicht hatte, meldete sich ein Bekannter, der den Täter vor dem Überfall noch vor der Bank gesehen und gegrüßt hatte. Beamte griffen den 19-jährigen Verdächtigen vor der Wohnung seiner Mutter auf. Es offenbarte sich: Von dem Geld hatte der im Kosovo Geborene kaum etwas ausgegeben, die Waffe war eine ungeladene Schreckschusspistole. Weil der Angeklagte unreif und ungefestigt, eher wie ein 16-Jähriger wirkte, verurteilte ihn das Landgericht Stuttgart zu einer Jugendstrafe auf Bewährung. Laienfrage: Könnte es sein, dass er nun erneut zugeschlagen hat? „Das kann gänzlich ausgeschlossen werden“, antwortet ein Polizeisprecher. Der junge Mann lebe nicht mehr.

Die Bankangestellte, die sich diesmal mit einer Waffe konfrontiert sah, ist nicht dieselbe wie beim ersten Vorfall. Die damals Betroffene arbeitet nicht mehr in der Winnender Filiale. Matthias Layher erzählt: Wenn Beschäftigte nach solch einem traumatisierenden Geschehen nicht mehr an den Ort des Schocks zurückkehren wollen, weil sie ein „ungutes Gefühl“ haben, sei das sehr verständlich.

Zwei Attacken gegen eine einzige Bank binnen eines starken Jahres – das ist auffällig gegen den Trend: Bundesweit ist die Zahl solcher Überfälle seit Jahren rückläufig. Während die Polizei Anfang der 90er-Jahre in Deutschland jährlich bis zu 1700 Bankraubverbrechen registrierte, waren es 2014 nur noch knapp 250. Faustregel: Intelligente Verbrecher lassen sich auf solch eine Tollkühnheit, die in aller Regel ins Gefängnis führt, kaum noch ein. Denn die Aufklärungsquote ist, vor allem dank moderner Videoüberwachungstechnologie, beeindruckend hoch: Sie liegt bundesweit bei 70 bis 80 Prozent.

Tendenz rückläufig – das gilt eigentlich auch für den Rems-Murr-kreis: 2014 und 2015 gab es hier keinen einzigen einschlägigen Fall, auch 2010 und 2011 herrschte Funkstille. Nur 2012 und 2013 gab es mehrere spektakuläre Ereignisse, die allerdings sehr klar die These belegen: Verbrechen lohnt sich nicht – zumindest, wenn es um Bankraub geht; siehe Infokasten „Der 18-Minuten-Coup und andere Flops“.