Viel sicherer als andere Schießanlagen

Schützengilde erhält 210000 Euro Zuschuss – Diskussion im Gemeinderat auch vom Amoklauf in Winnenden geprägt

Zusage ist Zusage – auch nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen: Für ihren Neubau im Gewann Krähenbach erhält die Backnanger Schützengilde 1848 von der Stadt einen Zuschuss über 210000 Euro. Dieser Beschluss fiel im Gemeinderat bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung.

In der Nähe des Wasserturms: Hier entsteht ein neues und sicheres Domizil für Backnangs Schützen.Foto: privat

Zusage ist Zusage – auch nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen: Für ihren Neubau im Gewann Krähenbach erhält die Backnanger Schützengilde 1848 von der Stadt einen Zuschuss über 210000 Euro. Dieser Beschluss fiel im Gemeinderat bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung.

Von Reinhard Fiedler

 

BACKNANG. Wegen des Viadukt-Neubaus musste die Gilde ihr angestammtes Revier räumen, an der 1,6 Millionen Euro teuren neuen Schießanlage wird schon lange geschafft. Dass der 260 Mitglieder zählende Traditionsverein Geld von der Stadt erhält, das hatten Gemeinderat und Verwaltung schon längst signalisiert. Weil es in Backnang für Sportvereine eben grundsätzlich einen Investitionskosten-Zuschuss gibt.

Doch dann kam Winnenden, und die Schützenvereine standen am Pranger. Die gesellschaftliche Debatte machte auch an der Murr nicht halt. Kann man nach dem Amoklauf des Tim K., der mit Vaters schwerer Sportwaffe mordete, die Schützengilde noch einen Sportverein nennen, um damit den gängigen städtischen Zuschuss zu erhalten? Eine Frage, die laut Oberbürgermeister auch das Backnanger Rathaus umtrieb. Ergebnis laut Dr. Frank Nopper: „Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass es richtig und angemessen ist, die Schützengilde nach wie vor anderen Backnanger Sportvereinen gleichzustellen, vorausgesetzt die Schützengilde zieht nach Winnenden ernste und nachhaltige Konsequenzen.“

Sie hat es getan, sagte Nopper am Donnerstagabend im Gemeinderat. Er wies darauf hin, dass der Verein die Bestimmungen des Waffengesetzes und die Vorgaben des Landeskriminalamtes (LKA) zur Waffenaufbewahrung „nicht nur erfüllt, sondern sogar übererfüllt“. Man fühle sich dem Verein gegenüber im Wort, er sei wichtiger Bestandteil des Vereinslebens und verantwortungsvoller Partner der Stadt und gerade auch der Waffenbehörde.

Eine Einschätzung, die auch Rechts- und Ordnungsamtsleiterin Gisela Blumer bei der Erläuterung technischer Einzelheiten betonte. Zudem verwies sie auf die Tatsache, dass die Backnanger Schützengilde Jugendliche erst ab dem 16. Lebensjahr für Schießen mit Kleinkaliberwaffen zulasse. Gesetzlich dürfen das schon 14-Jährige. Überhaupt werde großer Wert auf die Jugendarbeit gelegt, „jenseits der Nutzung von Waffen (...) Gymnastik, Ausdauertraining, Spiel und Sport“. Wer noch an der Sicherheit der neuen Schießanlage zweifelte, den vermochte Kurt Schäffner vom LKA zu überzeugen. Der Kriminalhauptkommissar bescheinigte den Backnanger Schießfreunden „höchsten Anforderungen“ nicht nur gerecht worden zu sein, sondern „weit mehr als andere Schützenvereine“ getan zu haben.

Das gefiel natürlich dem Oberschützenmeister, der seinen Verein ins beste Licht tauchte. Dr. Konrad Zurmühl verwies auf die lange Tradition, auf die umfangreichen Eigenarbeiten, auf die vielen sportlichen Erfolge, auf die „Beliebtheit des Schießsportes in der Bevölkerung“, auf das gesellschaftliche Engagement, auf Ferienprogramme und Partnerschaftsarbeit. „Schützen sind verantwortungsbewusste Menschen“, sagte Zurmühl. Weiteres wichtiges Argument für den Neubau: Teilweise wandern einzelne Schützen schon ins Umland ab. Noch interessanter: Viele junge Leute treten in den Verein ein, etlichen von ihnen geht’s freilich vor allem ums Bogenschießen.

„Trotz der schrecklichen Vorfälle in Winnenden wollen wir nicht verallgemeinern und nicht pauschalieren“, eröffnete Dr. Volker Schwarze die Aussprache im Gremium. Nach Ansicht der CDU hat sich die Gilde „stets vorbildlich verhalten“, als Sportverein habe sie einen moralischen Anspruch auf Gleichbehandlung. Ja zum Zuschuss sagte auch Dr. Lutz-Dietrich Schweizer (CIB). Einer der Kernsätze seines Statements. „Wir leben in einer gefallenen Schöpfung, unter uns gibt es viele potenzielle Mörder“, in einem Schützenverein werde Aggression in unschädliche Bahnen geleitet.

Dass die Schützengilde ohne eigenes Verschulden ihr altes Domizil aufgeben musste, hob Heinz Franke hervor. Damit signalisierte auch die SPD Zustimmung, bat aber dringend, sämtliche Sicherheitsbestimmungen einzuhalten und nutzte mit Blick auf virtuelle Killerspiele die Gelegenheit, die Verschärfung der Jugendschutzbestimmungen einzufordern.

Hingegen kündigte Ulrike Sturm (Grüne) ihr unmissverständliches Nein zur Zuschussgewährung an. Man lebe nicht mehr im Jahr 1848, und man müsse heute nicht mehr sein Stück Fleisch im Wald schießen, und es lauere auch nicht hinter jeder Ecke der Feind. Waffengewalt gehöre nur den entsprechenden Berufsgruppen und auch Jägern zugestanden. Es sei „nicht die Aufgabe der Bürger, mit ihren Steuergeldern Schießanlagen mitzufinanzieren“, auch wenn sie noch so sicher seien. Zumal es bei diesem Verein keine Armen treffe. Ulrike Sturm akzeptiert auch nicht, dass laut Gesetz Kinder schon ab 14 das Schießen lernen dürfen, gleichzeitig sind die Altersgrenzen beim Rauchen, beim Trinken und beim Anschauen von Sexfilmen deutlich höher.

Bei der Abstimmung sagte lediglich Ulrike Sturm Nein. Einer ihrer Fraktionskollegen, Daniel Mouratidis, enthielt sich der Stimme. Alle anderen reckten bei der Frage nach dem Ja die Hände.

 

Der städtische Zuschuss setzt sich so zusammen: 157000 Euro Barzuschuss (10 Prozent der tatsächlichen Kosten), Abwasserbeitrag 28280 Euro, Baukostenzuschuss für die Wasserversorgung 24396 Euro. Macht insgesamt 209676 Euro.